Geheimnisse des Templerordens: Mythos, Macht und der lange Schatten - History Unlocked
    Tempelritter

    Geheimnisse des Templerordens: Mythos, Macht und der lange Schatten

    15 Min. Lesezeit

    Noch vor Sonnenaufgang, so berichten die Chronisten, klopften am 13. Oktober 1307 in Frankreich königliche Beamte an die schweren Tore der Templer-Niederlassungen. Was als Routine erscheinen mochte, wurde zum Fanal: Verhaftungen im ganzen Land, Anklagen wegen Ketzerei, Geheimriten und Götzenbildern. Seither umweht den Templerorden ein Nebel der Rätselhaftigkeit. Zwischen den harten Konturen historischer Dokumente und der weichen Formbarkeit von Legenden entfaltet sich eine Erzählung, die bis heute fasziniert: Hatten die Templer ein verborgenes Wissen? Hüteten sie Schätze aus dem Heiligen Land? Oder war alles nur der große Theaterdonner der Politik?

    Wer die Geheimnisse des Templerordens verstehen will, muss tiefer graben: in die Gründungszeit der Kreuzzüge, in die lateinische Ordensregel, in päpstliche Privilegien, die die Templer unabhängig von lokaler kirchlicher Autorität machten, und in die Buchhaltung eines Ordens, der Krieger, Logistiker und Finanzverwalter zugleich war. Zugleich gilt es, den Blick von den verführerischen Mythen nicht völlig abziehen zu müssen, sondern sie an den Quellen zu messen: an Prozessprotokollen, Chroniken, Siegeln, Kirchenbauten und Burgmauern, die mehr erzählen, als es moderne Romanwelten tun.

    Dieses Panorama führt von den ersten Jahren unter Hugues de Payens zum Tempelritter" class="text-primary underline decoration-primary/40 underline-offset-4 hover:decoration-primary">Konzil von Troyes, von den Burgen an der levantinischen Küste bis zum Temple in Paris, von den liturgischen Gewohnheiten der Rittermönche zur peinvollen Folterkammer der königlichen Inquisitoren, und weiter zur Forschung unserer Zeit, die mit Funden wie dem Chinon‑Pergament neue Nuancen in eine jahrhundertealte Geschichte bringt. Was bleibt, ist ein Bild, das weder reiner Glanz noch reine Finsternis ist. Gerade in den Grauzonen, dort, wo Symbole, Rituale und politische Interessen aufeinandertreffen, leuchtet das eigentliche Geheimnis der Templer auf: die Macht der Erzählung und die Hartnäckigkeit der Fakten.

    Wussten Sie? Das berühmte Siegel der Templer zeigt zwei Ritter auf einem Pferd – eine bildmächtige Anspielung auf das ursprüngliche Ideal der Armut und Brüderlichkeit im Kampf.

    Anfänge und Regel: Von Hugues de Payens bis zum Konzil von Troyes

    Der Templerorden entstand aus der Unsicherheit der Straßen des Heiligen Landes. Um 1119/1120 schlossen sich Hugues de Payens und eine kleine Gruppe von Rittern zusammen, um Pilger auf dem Weg nach Jerusalem zu schützen. Ihre Base, so berichten Quellen, lag in unmittelbarer Nähe des ehemaligen Tempelbergs, weshalb sie sich milites Templi, „Ritter des Tempels“, nannten. Der Weg vom improvisierten Schutzkorps zum anerkannten Orden führte über das Konzil von Troyes (1129), wo eine lateinische Regel formuliert wurde, die Lebensform und Hierarchie der Templer fixierte. Der Zisterzienserabt Bernhard von Clairvaux, einer der einflussreichsten Kirchenmänner seiner Zeit, verfasste zudem die Programmschrift „De laude novae militiae“, in der er das Konzept der „neuen Ritterschaft“ theologisch adelt: Kämpfen durfte, ja sollte der Ritter, wenn er damit die Kirche und die Pilger schützte.

    Die Regel definierte Strenge und Disziplin. Die Armut war nicht nur Symbol: Besitz war gemeinschaftlich, Kleidung und Ausrüstung wurden zugeteilt, Luxus war untersagt. Das Essen war schlicht, Fleisch sollte nur an bestimmten Tagen gereicht werden; die Regel sah Gehorsam und Keuschheit vor. Früh erhielten die Templer entscheidende päpstliche Privilegien. Die Bulle Omne Datum Optimum (1139) von Innozenz II. verlieh ihnen weitreichende Unabhängigkeit von der bischöflichen Jurisdiktion und sicherte ihnen das Recht zu, eigene Kapläne zu halten und Beuteanteile aus dem Kampf zu empfangen. Weitere Bullen – Milites Templi (1144) und Militia Dei (1145) – festigten ihren Status und ihre wirtschaftliche Grundlage. Diese rechtliche Architektur machte die Templer zu einer Art „Staat im Staat“: direkt dem Papst unterstellt, mobil in der Kriegsführung und fixiert in einem Netz von Kommenden in ganz Europa.

    Ihr habitus war ebenso Markenzeichen wie Verpflichtung. Der weiße Mantel – als Zeichen der Reinheit – wurde den Ritterbrüdern zugestanden; die sergeanten, die dienenden Brüder, trugen andere Farben. Um 1147, im Zusammenhang mit dem Zweiten Kreuzzug, kam das rote Kreuz als Erkennungszeichen hinzu, ein Symbol der Bereitschaft zum Martyrium. Aus dieser Verbindung von asketischem Klosterethos und militärischer Schlagkraft entstand der einzigartige Charakter des Ordens, der rasch Unterstützer und Stifter in ganz Europa gewann.

    Wussten Sie? Der Temple in Paris war nicht nur eine Festung, sondern auch ein „Tresor“: 1295 verwahrten die Templer dort u. a. Kriegskassen, Kronjuwelen und wichtige Verträge der französischen Krone.

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    Netzwerk, Geld und Macht: Das globale System der Templer

    Während die Öffentlichkeit den Templerorden vor allem durch das Bild gepanzerter Reiter kennt, spielte seine organisatorische und wirtschaftliche Intelligenz eine kaum weniger wichtige Rolle. Schon früh knüpften die Templer ein Netz von Häusern und Gütern – sogenannte Kommenden – von Schottland bis Zypern, von Portugal bis ins Heilige Land. Diese Stützpunkte dienten der Rekrutierung, Versorgung, Ausbildung und nicht zuletzt der Finanzierung. Spenden, Zehnten, Ländereien und Privilegien ließen die Einnahmen wachsen. Aus ihnen wurden Schiffe ausgerüstet, Rüstungen bezahlt, Pferde unterhalten. Die Provinzen des Ordens – Frankreich, England, Aragon, Portucale, Apulien, die Poebene und andere – bildeten eine Verwaltungslandschaft, in der Präzeptoren und Meister mit klaren Kompetenzen agierten.

    Besonders berühmt wurde das „Finanzwesen“ der Templer. Pilger konnten in Europa Geld deponieren und erhielten Quittungen, die es ihnen ermöglichten, im Osten entsprechende Summen abzuheben – ein System, das internationale Zahlungen erleichterte und die Gefahr von Überfällen reduzierte. Der Temple in Paris fungierte zeitweise als Schatzamt der französischen Krone; in England vertraute König Heinrich III. dem Tempel in London so sehr, dass dort königliche Gelder verwahrt wurden. Kreditvergabe, Vermögensverwaltung, Transport großer Summen und sichere Lagerung machten die Templer zu begehrten Partnern von Fürsten, Bischöfen und Kaufleuten. Nicht, weil sie „Banken“ im modernen Sinne betrieben, sondern weil sie verlässlich, transregional organisiert und durch päpstlichen Schutz privilegiert waren.

    Diese Funktion brachte ihnen Respekt und Abhängigkeiten ein – und sie schuf Spannungen. Monarchen, die bei den Templern hoch verschuldet waren, sahen in ihrer Macht eine Versuchung. Die Ordensregel verbot Wucher; dennoch arbeiteten die Templer mit Gebühren, Pfandleihen und Sicherheiten. Ihre Kontobücher – so weit sie erhalten sind – belegen eine detailverliebte Buchführung. In der Summe entstand ein ineffizient zu imitierendes System logistischer und finanzieller Dienstleistungen, das dem Krieg im Osten die materielle Basis gab.

    Wussten Sie? Der „Beauseant“, das Banner der Templer, war schwarz-weiß geteilt und trug oft den Ruf „Non nobis, Domine“ – ein biblisches Bekenntnis, das in Quellen jener Zeit als frommer Anruf belegt ist, wenn auch nicht exklusiv templarisch.

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    Rituale, Symbole und die Frage des Geheimen

    Wenige Themen beflügeln die Fantasie so sehr wie die angeblichen Geheimrituale der Templer. Die belegten Fakten sind nüchterner und zugleich faszinierend genug. Die Aufnahmezeremonie des Ordens war feierlich, aber nicht öffentlich. Der Kandidat legte die Gelübde ab – Armut, Keuschheit, Gehorsam – und versprach, den Orden und die Pilger zu schützen. Die Zeremonie umfasste Fragen nach der Motivation, Ermahnungen zur Standhaftigkeit und, so berichten spätere Prozessakten, eine „Bruderkuß“-Geste als Zeichen der Einfügung in die Gemeinschaft. Die Kapitel, also die internen Sitzungen, waren nicht für Außenstehende gedacht – ein Umstand, der in Krisenzeiten den Verdacht nährte, es geschehe dort etwas Anstößiges.

    Symbolisch prägten drei Kennzeichen den Orden: der weiße Mantel, das rote Kreuz (um 1147 eingeführt und durch päpstliche Schreiben bestätigt) und das Banner – der Beauseant –, halb schwarz, halb weiß, als Zeichen des Kampfes gegen das Böse und der Reinheit der Intention. Die Strenge der Kleiderordnung reichte bis zu Verboten modischer Elemente wie spitz zulaufender Schuhe; selbst die Zahl der Pferde pro Ritter war reglementiert. In der Liturgie folgten die Templer dem römischen Ritus, beteten das Stundengebet, feierten die Messe – hierin unterschied sich der Orden nicht grundsätzlich von anderen geistlichen Gemeinschaften.

    Die berühmtesten Vorwürfe gegen die Templer entstammen den Ereignissen nach 1307: Man habe auf das Kreuz gespuckt, Götzen angebetet, sich in unanständigen Küssen verstrickt. Unter Folter erpresste Geständnisse geben historisch wenig zuverlässige Auskunft. Das ominöse Wort „Baphomet“ taucht in einigen Protokollen auf – ob als Fehlschreibung für „Mahomet“ in einer antimuslimischen Projektion, als Verschlüsselung oder reine Erfindung, ist bis heute umstritten. Entscheidend: Materielle Beweise für Idolatrie fehlen. Das sogenannte Chinon‑Pergament, ein im 21. Jahrhundert im Vatikanischen Archiv wiederentdecktes Protokoll von 1308, dokumentiert, dass päpstliche Gesandte die Spitzen des Ordens von der Ketzerei absolvierten – ein starkes Indiz gegen den Kern der Anklage, wenn auch kein Freispruch von allen Verfehlungen.

    Wussten Sie? Die Rundkirche der Temple Church in London wurde 1185 unter Beisein des Jerusalemer Patriarchen Heraklius geweiht – eine bewusste Inszenierung der Nähe zum Heiligen Land.

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    Burgen und Räume: Architektur und Geographie der Macht

    Die materiellen Zeugnisse der Templer finden sich nicht nur in Archiven, sondern auch in Stein gehauen. Entlang der levantinischen Küstenlinie standen mächtige Festungen, mit denen die Ordensritter Land und Seewege sicherten. Ein herausragendes Beispiel ist Château Pèlerin (Atlit), ab 1218/1219 gegründet, eine der stärksten Kreuzfahrerfestungen ihrer Zeit, mit vorgelagerten Wehranlagen und einem Hafen, der die Versorgungslinien nach Europa stabilisierte. Im Gazastreifen betrieben die Templer im 12. Jahrhundert eine wichtige Kommende; die Burg von Gaza ging in den 1150er Jahren in ihre Obhut über und sicherte die Südflanke des Königreichs Jerusalem. In Nordsyrien kontrollierten sie strategische Pässe, etwa bei Bagras (Gaston) in den Amanusbergen, ein Knotenpunkt zwischen Kilikien und Syrien. Die Festung Safed (Safad) im galiläischen Bergland kam Mitte des 13. Jahrhunderts in templarische Hand und wurde ausgebaut, bevor sie 1266 unter Sultan Baibars an die Mamluken fiel.

    Europa war das Rückgrat dieser Ostpräsenz. In England erhebt sich bis heute die Temple Church in London mit ihrer charakteristischen Rundkirche, 1185 geweiht – die runde Form verweist bewusst auf die Anastasis-Rotunde der Grabeskirche in Jerusalem. In Frankreich dominierte der Temple in Paris ein eigenes Stadtviertel und verkörperte Macht, Lagerstätte und Verwaltungszentrum. Die Iberische Halbinsel bietet eine Fülle eindrucksvoller Templerspuren: In Portugal gründete der erfahrene Ritter Gualdim Pais 1160 die Burg und spätere Klosteranlage von Tomar, die zum Hauptquartier der portugiesischen Templer wurde. In Kastilien und León zeugen Burgen wie Ponferrada von der Wehrarchitektur der Ordensritter an der Grenze zu muslimischen Territorien. Und auf Zypern, seit 1191 in den Kreuzfahrerorbit einbezogen, besaßen die Templer kurzzeitig die gesamte Insel, veräußerten sie aber nach Unruhen 1192 an die Dynastie der Lusignan – ein früher Hinweis darauf, dass Territorialherrschaft ohne breite lokale Akzeptanz riskant war.

    Diese Bauten waren mehr als Kriegsmaschinen. Sie bildeten Knotenpunkte eines Systems: Lagerhäuser für Getreide und Wein, Werkstätten für Waffen und Rüstungen, Hospize für Pilger, Verwaltungszentren mit Archiven und Siegeln. Im Grundriss spiegelt sich die Doppelnatur des Ordens: Klosterhof, Kapelle, Refektorium – und daneben Waffenkammern, Stallungen, Wälle. Archäologische Forschung hat in Atlit, Tomar und anderen Anlagen in den letzten Jahrzehnten Befunde gesichert, die von standardisierten Bautechniken und umfassender Logistik zeugen.

    Wussten Sie? Die moderne Verknüpfung von „Freitag, dem 13.“ mit dem Templersturz ist erst seit dem 20. Jahrhundert populär – mittelalterliche Quellen kennen diese Unglücksdeutung nicht.

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    Der Sturz: Prozesse, Politik und das Ende (1307–1314)

    Kein „Geheimnis“ des Ordens lässt sich ohne die Dynamik seines Sturzes begreifen. Unter Philipp IV. dem Schönen geriet die französische Krone in finanzielle und politische Engpässe: Kriege gegen England und Flandern, Konflikte mit dem Papsttum (Bonifaz VIII.) und ein wachsender Staatsapparat verlangten Mittel. Die Templer, reich an Gütern und Kredit, aber militärisch durch den Fall der Kreuzfahrerstaaten (1291 Eroberung Akkons) geschwächt, wurden in Frankreich zum Ziel. Am 13. Oktober 1307 ließ Philipp IV. landesweit Templer verhaften. Die Anklagen: Ketzerei, Götzendienst, Sodomie, Amtsmissbrauch. Unter der Regie des königlichen Juristen Guillaume de Nogaret begann ein Prozess, der Folter zuließ und systematisch Geständnisse produzierte.

    Papst Clemens V., nach Avignon umgesiedelt und in komplizierten Abhängigkeiten zur französischen Krone, eröffnete 1308 eigene Untersuchungen. Das Chinon‑Pergament bezeugt, dass päpstliche Legaten die oberste Ordensführung – unter ihnen der Großmeister Jacques de Molay – von der Ketzerei absolvierten, nachdem sie Reue gezeigt hatten. Dennoch drängte der politische Druck. Auf dem Konzil von Vienne (1311/12) wurde der Orden nicht aufgrund eines nachgewiesenen Dogmenirrtums, sondern „aus Klugheit“ (per viam provisionis) aufgehoben. Die Bulle Vox in excelso (1312) verkündete die Aufhebung, Ad providam (1312) regelte die Übertragung vieler Güter an den Johanniterorden. Regionale Abweichungen waren beträchtlich: In Aragon wurde 1317 der Orden von Montesa als Erbe der Templergüter gegründet, in Portugal schuf König Dinis 1319 den Christusorden, der die Güter und viele Traditionen übernahm und später in der atlantischen Expansion Portugals eine bedeutende Rolle spielte.

    Der dramatische Epilog ist 1314 in Paris verortet: Jacques de Molay und Geoffroi de Charnay, die ihre früheren Geständnisse widerriefen, wurden als rückfällige Ketzer auf der Île de la Cité verbrannt. Der Legende nach verfluchte de Molay König und Papst vom Scheiterhaufen – eine wirkungsmächtige Erzählung, die die Ereignisse in das Licht einer höheren Gerechtigkeit rückt. Historisch aber markieren diese Feuertode vor allem das Ende eines Ordens, der in kaum zwei Jahrhunderten von der staubigen Straße zwischen Jaffa und Jerusalem bis in die Schatzkammern der Könige gelangt war.

    Wussten Sie? Rosslyn Chapel (1446–1480) entstand lange nach der Aufhebung des Ordens; eine direkte Templertradition lässt sich dort nicht nachweisen.

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    Mythen und Legenden: Was bleibt unbeweisbar

    Der Nimbus des Geheimen nährt Mythen. Einige sind unschuldig-schillernd, andere zielen auf eine Umdeutung der Geschichte. Die Templer als Hüter des Heiligen Grals: eine Vorstellung, die seit dem Mittelalter belegt ist, inspiriert von Dichtungen wie Wolfram von Eschenbachs „Parzival“, in dem eine Gemeinschaft heiliger Wächter – die „Templeisen“ – den Gral beschützt. Doch eine direkte Identifikation mit dem historischen Orden bleibt spekulativ. Rosslyn Chapel in Schottland, im 15. Jahrhundert errichtet, wird gern als „Templer-Kapelle“ gedeutet; nachweisbar ist das nicht. Auch die These, die Templer hätten unter dem Tempelberg in Jerusalem geheime Schätze geborgen – von der Bundeslade bis zu verschollenen Evangelien –, ist quellenarm. Gewiss ist, dass sie auf dem Areal Quartier bezogen; was sie dort taten, entzieht sich historischer Belegbarkeit jenseits des Alltäglichen von Lagerung und Verwaltung.

    Besonders zählebig ist die Chimäre vom „Baphomet“-Götzen. In den Prozessakten taucht der Begriff auf, doch fehlt jeder archäologische Beweis für einen entsprechenden Kult. Sprachwissenschaftliche Deutungen reichen von einer Verballhornung „Mahomet“ (als polemische Projektion) bis hin zu komplexen Kryptogrammen; nichts davon ist zwingend. Ebenso populär ist die Behauptung, der schlechte Ruf des „Freitag, den 13.“ gehe auf den 13. Oktober 1307 zurück – ein Zusammenhang, der erst in der Neuzeit literarisch-populär konstruiert wurde.

    Gerüchte über geheime Nachfolgeorden, eine direkte Linie zu den Freimaurern oder versteckte Schatzdepots, die bis in entlegene Buchten Nordamerikas reichen, sind kulturell aufschlussreich, aber historisch schwach. Was tatsächlich bestand, waren lokale Transfers von Gütern, die zu neuen Orden führten (Montesa, Christusorden) oder an Fürsten fielen. Die Templer schätzten Dokumentation und Siegel – ihre „Schätze“ waren oft Guthaben, Getreide, Pferde, Rüstungen – die Basis für Feldzüge, nicht für alchemistische Wunder.

    Wussten Sie? Das Wort „Baphomet“ erscheint in vereinzelten Verhören, doch ein Kultbild wurde nie sichergestellt – die Zuschreibung blieb im Raum der Anschuldigung.

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    Nachleben und Forschung: Vom Christusorden bis zur Quellenkritik

    Die Aufhebung 1312 bedeutete kein abruptes Verschwinden der Templertraditionen. In Portugal formte König Dinis aus Menschen und Mitteln der Templer den Christusorden (1319). Später wurde er unter Heinrich dem Seefahrer zu einem Motor der Entdeckungsfahrten entlang Afrikas – ein indirektes Erbe der Templer, die organisatorische und maritime Erfahrung in die neue Zeit trugen. In der Krone Aragon etablierte Jakob II. 1317 den Orden von Montesa, der die Verteidigung der Grenze zu muslimischen Reichen übernahm und Templergüter absorbierte. In Kastilien, León und Navarra gingen zahlreiche Kommenden an bestehende Orden wie Santiago und Calatrava über oder fielen an die Krone.

    In der Erinnerungskultur wandelten sich die Templer: von der Verkörperung militärischer Tugend zu Projektionsflächen für Utopien und Verschwörungen. Im 18. Jahrhundert stilisierte die Freimaurerei in einigen Hochgradsystemen – etwa der Strikten Observanz in Deutschland – eine direkte Templerabstammung; historisch ist das unhaltbar, aber mentalitätsgeschichtlich wichtig. Die Romantik, historische Romane und moderne Popkultur verstärkten das Flimmern zwischen Fakt und Fiktion.

    Die historische Forschung arbeitet dem entgegen – oder besser: Sie präzisiert. Archivarische Funde wie das Chinon‑Pergament, das 2007 im Rahmen des Vatikanischen Editionsprojekts „Processus contra Templarios“ publiziert wurde, zeigen, wie differenziert die kirchliche Position war: nicht unkritisch, aber auch nicht bereit, den Kernvorwurf der Ketzerei einfach zu übernehmen. Werke von Historikern wie Malcolm Barber oder Alain Demurger haben die Zusammenhänge zwischen Krieg, Wirtschaft und Politik herausgearbeitet. Archäologische Projekte in Atlit, Tomar und an anderen Stätten untersuchen Materialkultur, Bauphasen und Alltagsgegenstände.

    Wussten Sie? Das sogenannte Chinon‑Pergament (1308) belegt, dass päpstliche Legaten die Ordensspitze von der Ketzerei absolvierten – 2007 wurde der Text in einer vatikanischen Faksimile‑Edition weltweit bekannt.

    Quellenkritik bleibt der Schlüssel: Die Ordensregel überliefert Normen, nicht immer gelebte Praxis. Prozessakten spiegeln Zwang und Strategie wider, nicht nur Wahrheit. Chroniken tragen die Perspektiven ihrer Auftraggeber. Zusammengesetzt entsteht ein Bild, das die Templer als eine der effizientesten Institutionen des Hochmittelalters zeigt – weder makellos noch mysteriös im Sinne esoterischer Geheimnisse, sondern komplex in ihrer Verzahnung aus Glauben, Gewalt, Verwaltung und Symbolik.

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    Die Faszination für die „Geheimnisse“ des Templerordens bleibt verständlich. Zwischen staubigen Archivseiten und den Schatten hoher Mauern suchen wir nach Echos einer Welt, in der Glaube und Schwert, Armutsideal und Machtpolitik, fromme Liturgie und harter Kassensturz nebeneinanderstanden. Das eigentliche Geheimnis besteht darin, wie viel wir heute wissen – und wie sorgfältig wir Unwissenheit markieren müssen. So entzieht sich der Orden gerade der allzu glatten Erzählung: Die Templer waren Pioniere militärischer Logistik, geschickte Verwalter, fromme Mönche, manchmal hartherzige Verhandlungspartner, Opfer und Akteure zugleich.

    Am Ende bleibt die Einladung, die Mythen nicht zu zerstören, sondern zu befragen – und die Quellen sprechen zu lassen. Wer die Siegel betrachtet, die Kirchen betritt, die Burgmauern abläuft und die Prozessakten liest, findet kein Dan-Brown’sches Rätsel, sondern eine Geschichte, die in ihrer eigenen Logik geheimnisvoll genug ist: die Geschichte einer Institution, die den Übergang vom feudalen Kriegertum zur verwalteten Macht vorwegnahm. In diesem Spiegel lernen wir nicht nur die Templer kennen, sondern auch die Welt, die sie hervorbrachte – und die Mechanismen, mit denen Macht, Glauben und Erzählungen bis heute ineinandergreifen.

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