Die Regel der Templer: Geheimnis, Ordnung und Militärische Askese
Im frühen zwölften Jahrhundert entstand in den Ruinen und auf den Handelswegen des Heiligen Landes ein Orden, dessen Legende bis heute in Schatten und Spekulation gehüllt ist: die Ritter des Tempels. Das Magnetische an den Templern liegt nicht nur in ihren militärischen Erfolgen oder in ihrem dramatischen Ende Anfang des 14. Jahrhunderts, sondern vor allem in der dichten, oft rätselhaften Norm, die ihr tägliches Leben, ihren Glauben und ihre militärische Disziplin lenkte — die sogenannte Regel der Templer. Diese Regel verband monastische Askese mit kriegerischer Pflicht, schuf Hierarchien und Routinen und legte den Grundstein für eine Organisation, die über Jahrhunderte hinweg Reichtum, Land und Einfluss sammelte.
Die folgende Erzählung hat zwei Ziele zugleich: Sie möchte die historische Substanz der Regel nachzeichnen — wer schrieb sie, welche Quellen prägten sie, wie sie in realen Häusern und Komtureien umgesetzt wurde — und zugleich den geheimnisvollen Schleier lüften, der die Templer umgibt. Historiker haben über Jahrzehnte Handschriften verglichen, päpstliche Bullen entschlüsselt und Berichte aus Komtureien studiert. Doch die Regel selbst bleibt ein faszinierendes Dokument, weil sie die Kluft aufzeigt zwischen einem Ideal (mönchische Reinheit, völlige Hingabe) und der rauen Wirklichkeit eines militärischen Körpers, der in den Kreuzzügen stand und wachte.
Die folgenden Kapitel führen in kontextuelle Details: die Entstehungsgeschichte der Regel, die Rolle maßgeblicher Persönlichkeiten wie Hugues de Payens und Bernhard von Clairvaux, die Struktur der Ordnung und ihres Alltags, die wirtschaftliche und rechtliche Verankerung durch päpstliche Privilegien, sowie die späteren Veränderungen und ihr Schicksal bis zur Auflösung des Ordens. Der Ton ist erzählerisch und stellenweise mysteriös — denn die Regel wirkt wie ein Kodex, der Intimitäten bewahrt, Konflikte verbirgt und Machtstrukturen kodifiziert. Leserinnen und Leser werden Zeuge, wie aus einfachen Gelübden ein System wuchs, das Pilger schützte, Burgen hielt, Geld transferierte und schließlich Ziel einer gnadenlosen Verfolgung wurde.
Wussten Sie? Das Konzil von Troyes 1129 war entscheidend für die kirchliche Anerkennung der Templer und wurde stark durch die Fürsprache Bernhards von Clairvaux beeinflusst.
In diesem Text wird akribisch zwischen belegten historischen Fakten und Deutungen unterschieden. Fußnoten sind nicht enthalten, doch die Darstellung stützt sich auf die bekannten Dokumente: die Anerkennung des Ordens auf dem Tempelritter" class="text-primary underline decoration-primary/40 underline-offset-4 hover:decoration-primary">Konzil von Troyes 1129, die päpstlichen Privilegien wie die Bulle Omne Datum Optimum (1139), sowie auf erhaltene Regeln und städtische Kartulare, die den Alltag in Komtureien beschreiben. Mit einer Mischung aus geschichtlicher Präzision und erzählerischem Feingefühl soll die Regel der Templer in all ihren Dimensionen sichtbar werden.
Die Entstehung der Regel: Gründung, Konzil und geistliche Wurzeln
Die Geschichte der Regel der Templer beginnt in den Jahren nach 1119, als Hugues de Payens, ein französischer Ritter, zusammen mit einer kleinen Gruppe von Gefährten in Jerusalem eine Gemeinschaft bildete, die dem Schutz der Pilger und der heiligen Stätten des Kreuzes dienen wollte. Die Idee einer militärisch organisierten Mönchsgemeinschaft war neu und provozierte Fragen: Wie ließ sich monastische Askese mit Krieg und Gewalt vereinen? Wer konnte solch eine Gemeinschaft kirchenrechtlich anerkennen? Die Antwort fand sich in einem Bündnis mit mächtigen geistlichen Unterstützern — allen voran Bernhard von Clairvaux.
Bernhard, Abt des Zisterzienserklosters Clairvaux, war eine der hellsten Stimmen der Kirche im 12. Jahrhundert. Seine Unterstützung war mehr als rhetorisch: Auf dem Konzil von Troyes 1129 sprach Bernhard zugunsten der Gemeinschaft, lobte die Idee einer neuen Miliz Christi in seiner berühmten Schrift In Praise of the New Knighthood (De laude novae militiae) und trug dadurch maßgeblich zur kirchlichen Legitimation bei. Das Konzil von Troyes selber regelte die Anerkennung des Ordens und billigte eine Regel, die öffentlichkeitswirksam die Verbindung von klösterlicher Disziplin und militärischer Aufgabe manifestierte.
Wussten Sie? Templer unterschieden streng zwischen Rittern und Sergeanten: Ritterschaft war meist adlig, Sergeanten waren Fußsoldaten oder Handwerker des Ordens.
Doch die Regel war kein vollständig monastisches Dokument. Vielmehr entlehnte sie Elemente aus dem zisterziensischen Gemeinschaftsleben, vor allem in der Betonung von Armut, Gehorsam und gemeinsamer Lebensordnung, und passte diese an die Bedürfnisse einer kämpfenden Bruderschaft an. Die Templer legten einfache Gelübde ab — Armut, Keuschheit, Gehorsam — ähnlich den Mönchen, doch als Körperschaft konnten sie Eigentum halten, Spenden empfangen und Besitztümer verwalten. Dieses rechtliche Paradox erlaubte es ihnen, militärische Ausrüstung, Pferde und Festungen zu unterhalten, ohne das Gelübde individueller Armut zu verletzen: die Habe gehörte dem Orden, nicht dem einzelnen Ritter.
Der Prozess der Formulierung der Regel war geprägt von Kompromissen und praktischer Notwendigkeit. Militärische Disziplin, Dienstordnungen, Rationen, Strafklauseln und Verwaltungsmechanismen mussten ausgearbeitet werden. Die Regel war somit sowohl spirituelles Dokument als auch Verwaltungshandbuch: sie bestimmte liturgische Zeiten und exakte Verhaltensnormen, regelte aber zugleich den Einsatz in Kampfhandlungen, die Bewachung von Pilgerwegen und die Führung von Kommenden. Sie war damit auch ein Instrument zur Schaffung von Ordnung in einer Organisation, die schnell wuchs und über große Entfernungen operierte.
Auf Ebene der Quellen ist wichtig, dass die „Regula“ in mehreren lateinischen Handschriften überliefert ist und in redigierter Form durch den Einfluss Mönchlicher Berater wie Bernhard gefestigt wurde. Spätere päpstliche Bestätigungen — besonders die Bulle Omne Datum Optimum von 1139 durch Papst Innocent II — stärkten die Position der Templer weiter, indem sie ihnen zahlreiche Privilegien und eine einzigartige Stellung innerhalb der Kirche zuerkannten. Damit begann die Geschichte einer Norm, die nicht nur das Innenleben des Ordens definierte, sondern auch seine rechtliche Sonderrolle in Europa und dem Heiligen Land begründete.
Wussten Sie? Die weiße Tunika der Templer symbolisierte Reinheit und war ein bewusstes Gegengewicht zur kriegerischen Härte ihres Tuns.

Struktur und Hierarchie: Vom Großmeister bis zum einfachen Bruder
Die Regel der Templer formte eine klare Hierarchie, die militärische Effizienz und monastische Strenge miteinander verband. An ihrer Spitze stand der Großmeister (Magister), der als oberster Leiter die strategische, administrative und spirituelle Verantwortung trug. Unter ihm fanden sich mehrere leitende Ämter: der Seneschall, der für Verwaltung und Logistik verantwortlich war; der Marschall, der militärische Operationen plante und Kommandeure koordinierte; sowie der Kanzler, der sich um Schriftstücke und Rechtliches kümmerte. Diese Ämter sind in zeitgenössischen Quellen gut belegt und zeigen, dass die Templer straffe Führungsebenen besaßen, die nötig waren, um Burgen zu halten, Konvois zu schützen und umfangreiche Ländereien zu verwalten.
Unterhalb dieser Führungsebene existierte eine Klassifizierung in Ritter (milites), Sergeanten (milites minores oder servis) und Kapläne (chaplains). Die Ritter bildeten das Kernstück der kämpfenden Elite: zumeist adelige Männer, geritten, schwer bewaffnet und mit dem Anspruch ritterlicher Ideale. Sergeanten waren in der Regel Leute von niederen Stand, die als Fußsoldaten, Pioniere oder Ordonnanz dienten. Kapläne sicherten das geistliche Leben: da die Templer nicht die Priesterweihe erzwangen, waren diese Geistlichen externe oder interne Kleriker, die Messe hielten, Beichte abnahmen und liturgische Dienste erfüllten. Die Regel regelte ausdrücklich das Verhältnis zwischen den Kämpfern und den Geistlichen und verbot etwa Streitigkeiten zwischen der Ordensmacht und der regulären Kirche — eine wichtige Bestimmung, um Spannungen mit lokalen Bischöfen zu vermeiden.
Das Aufnahmeverfahren war streng: Neue Anwärter mussten eine Probezeit durchlaufen, ihr Habitus, ihr Glaube und ihre Fähigkeiten geprüft werden. Erst nach dem Leisten der drei Gelübde wurden sie volle Brüder des Ordens. Diese Gelübde waren öffentlich und verpflichtend; das Ordensleben unterstand strengen Disziplinarmaßnahmen. Die Regel kannte Sanktionen bei Verstößen, von Bußen bis zu zeitweiliger Isolation; in besonders schweren Fällen waren auch Exkommunikationsandrohungen oder Verbannung vorgesehen. Trotz dieser Strenge erscheint die Templerregel pragmatisch: sie leitete Programme für Ausbildungsphasen, wies auf Hierarchien in der Verpflegung hin und legte fest, wer welches Pferd und welche Rüstung tragen durfte.
Wussten Sie? Die päpstliche Bulle Omne Datum Optimum (1139) machte die Templer direkt dem Papst verantwortlich und gewährte ihnen weitreichende Privilegien.
Einflussreiche Komturen führten lokale Häuser (commandery/commendaria), die zugleich wirtschaftliche Bezirke und militärische Stützpunkte waren. Von diesen Komturen hing viel ab: sie sammelten Einnahmen, organisierten lokale Rekrutierungen und sorgten für den Nachschub an Ausrüstung. Die Regel stellte sicher, dass Komturen Rechenschaft ablegen mussten; Buchhaltung und Inventare waren Bestandteil der administrativen Praxis. Dieses System erlaubte den Templern, sehr effizient Ressourcen zu mobilisieren und zugleich zentralen Maßnahmen zu koordinieren — ein Grund für den schnellen Aufstieg des Ordens in Europa und dem Osten.
Der Alltag nach der Regel: Liturgie, Mahlzeiten und militärische Routine
Die Regel der Templer ordnete nicht nur große Strukturen, sondern tief in den Alltag hineinreichende Details. Der Tagesablauf war geprägt von dem Versuch, monastische Stundengebete mit militärischer Bereitschaft zu verbinden. Die Brüder mussten an den kanonischen Stunden teilnehmen: Nachtwache, Matutin, Laudes, die sogenannten Horen, aber die konkrete Ausgestaltung variierte nach dem Standort: in einer Komturei in Europa war der Tag ruhiger und konzentrierter auf Verwaltung, im Heiligen Land hingegen bestimmten Patrouillen, Reparaturen und militärische Bereitschaft die Routine.
Die Mahlzeiten waren schlicht, kontrolliert durch Regeln der Gemeinschaft. Es gab klare Bestimmungen über Längen, Essenszeiten und Tischordnung: Ritter saßen oft getrennt von Sergeanten, und bestimmte Speisen standen nur bestimmten Rängen zu. Alkohol war erlaubt, aber in Maßen; Übermaß konnte als Verstoß gegen die Klugheit und Disziplin gewertet werden. Ebenso genau regelte die Ordnung Fragen der Kleidung: die weiße Kleidung als Symbol der Reinheit und die rote Kreuzesnadel oder das rote Kreuz als sichtbares Zeichen des Ordens — wenngleich die genaue Einführung des roten Kreuzes in der frühen Phase streitig diskutiert wird, so ist die symbolische Bedeutung doch unbestritten.
Wussten Sie? Disziplinarmaßnahmen im Orden konnten öffentlich vollzogen werden und sollten Sünden nicht nur bestrafen, sondern auch die Gemeinschaft reinigen.
Die militärische Routine forderte Übung in Waffen, Reiten, Formation und Bewachung. Die Regel schrieb nicht nur vor, wie viele Brüder in Wachschichten dienen sollten, sondern auch, wie Rationen und Ausrüstung zu verwalten waren. Die Logistik war zentral: Pferde mussten gepflegt, Rüstungen gewartet und Vorräte aufbewahrt werden. In Kriegszeiten wurden Such- und Patrouillenpläne erstellt; in friedlichen Zeiten verwalteten die Brüder Besitz, sammelten Mieten ein und organisierten Transport von Pilgern. Die Templer waren zugleich Hospitaller: in gewissem Maße säuberten sie Wege, schützten Karawanen und stellten sichere Herbergen für Pilger zur Verfügung.
Die liturgische Dimension war nicht bloß Formalität: regelmäßige Gebete, Beichte und Sakramentspraxis stärkten die Gemeinschaftsidentität und gaben dem militärischen Handeln eine sakrale Rechtfertigung. Die Verbindung von Andacht und Kampf legitimierte das Handeln in der Epoche der Kreuzzüge: der Ritter war zugleich Soldat Gottes und Mönch in der Welt. Diese Synthese war in der Regel codifiziert: sie forderte Reinheit, aber auch Entschlossenheit im Kampf gegen die Feinde Christi.

Ökonomie und Recht: Besitztümer, Privilegien und päpstliche Schutzbriefe
Die Regel der Templer regelte nicht nur das Innenleben, sie legitimierte auch ökonomische Praktiken und begründete eine beispiellose juristische Stellung innerhalb der Kirche. Ein Schlüsselereignis war die päpstliche Bulle Omne Datum Optimum von 1139, ausgestellt von Papst Innocent II. Diese Urkunde verlieh den Templern weitreichende Rechte: Exemtion von lokaler kirchlicher Gerichtsbarkeit, das Recht, Gelder zu empfangen, und Schutz vor Einmischung durch weltliche Fürsten in inneren Angelegenheiten des Ordens. Kurz gesagt: Die Templer wurden direkt dem Papst unterstellt. Diese Sonderstellung war ein revolutionäres Instrument, das dem Orden ermöglichte, als supranationale Körperschaft zu agieren.
Wussten Sie? Am 13. Oktober 1307 begann die landesweite Inhaftierung der Templer in Frankreich auf Befehl von Philipp IV., ein Wendepunkt in der Geschichte des Ordens.
Die ökonomische Basis des Ordens lag auf mehreren Säulen: Schenkungen von Adeligen und Königen, Einnahmen aus bäuerlichen Pachtflächen, wirtschaftliche Tätigkeit in Komtureien, Einnahmen aus Schutzdiensten für Pilger und später Bankenfunktionen. Historische Kartulare und Urkunden zeigen, wie Komtureien in Europa oft als wirtschaftliche Kernpunkte fungierten: sie produzierten Lebensmittel, verwalteten Pachtverträge und sendeten Überschüsse an die ostkirchlichen Kommenden. Die Fähigkeit, Eigentum und Rechte als Körperschaft zu halten, erlaubte es den Templern, ein dichtes Netz von ökonomischen Beziehungen aufzubauen, das ihnen militärische Schlagkraft und politische Einflussnahme ermöglichte.
Gleichzeitig schrieb die Regel genaue Verwaltungspraktiken vor: Inventarlisten, Buchführung, Auditierungen durch Sendboten und Berichterstattung an den Großmeister. Korrespondenzen und Kanzleiregister belegen eine hochentwickelte administrative Kultur. In manchen Regionen agierten Templer faktisch wie frühe Banken: sie boten Kredite, bewahrten Schätze und ermöglichten Überweisungen über ihr Netzwerk von Kommenden. Diese ökonomische Praxis war jedoch kein Widerspruch zur Regel, sondern eine funktionale Erweiterung: die materielle Basis diente letztlich dem geistlichen und militärischen Auftrag.
Dennoch rief der wachsende Reichtum Neid und politische Spannungen hervor. In Frankreich und anderswo beobachteten Mächtige die ökonomische Macht der Templer mit Argwohn. Die Rechtsstellung der Templer blieb zwar kirchlich geschützt, doch in der Praxis entstanden Konflikte mit lokalen Herrschern und Bischöfen, die Rechte, Einkünfte und Gerichtsbarkeit bedroht sahen. Diese Spannungen sollten später in das Klima der Verfolgung einfließen, das 1307 begann, als Philipp IV. von Frankreich gegen den Orden vorging — ein dramatisches Ende, dessen Vorboten in den ökonomischen und politischen Konflikten des 12. und 13. Jahrhunderts zu finden sind.
Wussten Sie? Trotz dramatischer Ereignisse blieb die Regel als Text in verschiedenen Handschriften erhalten und ist heute grundlegende Quelle für das Verständnis der Templer.
Disziplin, Strafen und Rituale: Vom Bußakt bis zur Exkommunikation
Die Regel der Templer war ein Sanktionsinstrument. Sie bestimmte nicht nur Ideale, sondern auch die Konsequenzen, wenn diese Ideale verletzt wurden. Disziplinarmaßnahmen reichten von Bußen und Fasten bis zu Abschottung von der Gemeinschaft. In schweren Fällen konnten Brüder ihres Status beraubt oder der Orden sogar der Kirche überantwortet werden, was Exkommunikation oder weltliche Bestrafung nach sich ziehen konnte. Die Regel enthielt genaue Prozeduren für Gerichtsverhandlungen innerhalb des Ordens: die Zuständigkeit lag bei den Komturen und dem Großmeister, und die Verhandlungen folgten festgelegten Protokollen.
Wesentlich war die Unterscheidung zwischen Sünde und Verbrechen: Gehorsamsverstöße oder moralische Verfehlungen wurden meist innerhalb der spirituellen Ordnung behandelt, oft durch Bußprogramme, öffentliche Reue und liturgische Reinigungen. Verbrechen wie Diebstahl, Kollaboration mit dem Feind oder schwerwiegende Misswirtschaft konnten jedoch härtere Sanktionen nach sich ziehen. Diese Härte diente zwei Zwecken: der Aufrechterhaltung militärischer Effizienz und der Wahrung des Rufs der Bruderschaft in einer Zeit, in der religiöse Legitimität überlebenswichtig war.
Die Ritualisierung von Reue und Versöhnung spielte eine zentrale Rolle. Die Bußen waren oft öffentlich und strukturiert: Der Sünder musste Bußgebete verrichten, sein Bett niederlegen, das Fasten verschärfen oder bestimmte liturgische Dienste übernehmen. Solche Praktiken stärkten die Gemeinschaft, indem sie Normverletzung sichtbar machten und zugleich Wege zur Wiedereingliederung boten. Die Regel forderte, Konflikte gerecht zu lösen und zu verhindern, dass persönliche Fehden die Einheit des Ordens zersetzten.
In der Praxis konnten solche Disziplinarmaßnahmen jedoch auch missbraucht werden. Machtkämpfe innerhalb des Ordens, Rivalitäten um Posten und Eifersucht auf Besitztümer führten gelegentlich zu internen Intrigen. Die historischen Prozesse gegen die Templer Anfang des 14. Jahrhunderts zeigen, wie Anschuldigungen von Ketzerei, Götzenanbetung und moralischer Verfehlung sowohl politisch instrumentalisiert als auch als juristisches Mittel gebraucht wurden. Die Regel, so streng sie auch war, bot keine Garantie gegen externe Verfolgung — und das macht ihre Geschichte tragisch: Ein Regelwerk, entworfen, um Reinheit und Ordnung zu schaffen, wurde selbst im Sog politischer Gewalt aufgebrochen.
Wandel, Kritik und das Ende: Vom Einfluss zur Auflösung
Über zwei Jahrhunderte hinweg blieb die Regel der Templer ein lebendiges Dokument: Sie wurde lokal ausgelegt, angepasst und von Generation zu Generation weitergegeben. Doch mit wachsendem Einfluss kamen auch neue Herausforderungen. Politische Allianzen veränderten sich; die militärische Notwendigkeit im Heiligen Land nahm im 13. Jahrhundert ab; und die ökonomische Macht der Templer wurde zu einem Ziel politischer Begehrlichkeiten. König Philipp IV. von Frankreich, verschuldet und machtpolitisch ambitiös, sah in dem orden eine Quelle von Geld und ein Hindernis seiner Vollmacht. Am Freitag, dem 13. Oktober 1307, ließ Philipp massenhaft Templer inhaftieren und der Anklage der Ketzerei, der Sodomie und anderer Vergehen aussetzen. Dieser Akt war der Auftakt zu einem Prozess, der die internationale Stellung der Templer zerstörte.
Papst Clemens V., unter dem Druck französischer Politik und in einer komplexen päpstlichen Lage, löste den Orden schließlich 1312 auf dem Konzil von Vienne auf. Die Regel als lebendiges Rechts- und Lebensdokument verlor damit ihre Institution als Garant der Bruderschaft. Dennoch überdauerte ihr Einfluss: Die Idee einer religiös-militärischen Gemeinschaft hinterließ Spuren in anderen Orden und in der Art, wie die Kirche mit militärischer Macht umging. Das Schicksal der Templer bleibt ambivalent: von glorreichen Anfängen und strenger Disziplin zu politischer Instrumentalisierung und dramatischer Zerschlagung.
Historiker streiten bis heute über die Motive und die Rechtmäßigkeit der Anschuldigungen von 1307–1312. Viele Forscher weisen auf die politischen und ökonomischen Hintergründe hin: Schulden des Königs, Verlangen nach landesweitem Vermögen und ein Klima, in dem außergewöhnliche Akte zur Sicherung der Macht eingesetzt wurden. Andere betonen, dass interne Schwächen und moralische Fehltritte des Ordens — die freilich vielfach übertrieben dargestellt wurden — das Misstrauen genährt haben könnten. Was bleibt, ist die Regel selbst: als Zeugnis einer Organisation, die versuchte, das Paradox des kämpfenden Mönchs in klare Vorschriften zu pressen.
Schlussbetrachtung
Die Regel der Templer ist mehr als ein historisches Dokument: Sie ist ein Fenster in eine Welt, in der Glauben, Macht, Ritual und Krieg untrennbar miteinander verwoben waren. Als System ordnete sie die alltäglichen Handlungen Tausender Männer, bestimmte, wie sie zu beten, zu essen, zu kämpfen und zu wirtschaften hatten. Ihre Stärke lag in der Kombination von Disziplin und Flexibilität: Disziplin, weil sie starre Normen vorgab; Flexibilität, weil sie es dem Orden erlaubte, als Körperschaft zu operieren und wirtschaftliche Mittel zu nutzen, um geistliche und militärische Ziele zu verfolgen.
Doch die Regel war auch ein Risiko: Sie machte die Templer sichtbar, ein geordnetes Ziel für Neid, politische Ambitionen und religiöse Kritik. Wenn man heute die Regula liest, spürt man zugleich administrative Präzision und spirituelle Sehnsucht. Die Brüder des Tempels wollten geheiligte Wächter sein — doch ihre Geschichte zeigt, wie eng Heiligkeit und Macht, Askese und Besitz verknüpft bleiben.
Das Nachleben der Regel ist ambivalent. Sie inspirierte Nachfolgeorden, prägte Vorstellungen vom Rittertum und blieb in der Kultur des Abendlandes präsent. Zugleich nährte sie Mythen: Verschwörungstheorien, Schatzlegenden und romantische Erzählungen über geheimes Wissen. Historisch betrachtet aber ist die Regel ein dokumentiertes Zeugnis einer außergewöhnlichen Institution: präzise, streng und dennoch geprägt von den Kompromissen, die jede große Organisation eingeht. Im Erforschen dieser Regel kommt man der Wahrheit der Templer näher — einer Wahrheit, die weniger aus Geheimnissen besteht als aus der alltäglichen Arbeit, die ein weltliches und ein geistliches Ideal miteinander verband.


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