Das Attentat von Sarajevo: Die Schüsse, die die Welt entzündeten - History Unlocked
    Erster Weltkrieg

    Das Attentat von Sarajevo: Die Schüsse, die die Welt entzündeten

    18 Min. Lesezeit

    Der Sommer des Jahres 1914 lag über Europa wie eine schwere, goldene Decke. Es war die ausklingende Belle Époque, eine Ära des beispiellosen Fortschritts, des kulturellen Überschwangs und eines fast naiven Glaubens an eine unendliche Zukunft des Friedens und des Wohlstands. Die großen Hauptstädte des Kontinents – Paris, Wien, Berlin, London – summten vor Leben, die Cafés waren gefüllt mit Künstlern und Intellektuellen, und die gekrönten Häupter Europas, fast alle miteinander verwandt, schienen die Stabilität des Systems zu garantieren. Doch unter dieser glitzernden Oberfläche brodelte es. Ein komplexes und fragiles Netz aus Allianzen, imperialen Rivalitäten, aufkeimendem Nationalismus und einem beispiellosen Wettrüsten hatte den Kontinent in ein Pulverfass verwandelt. Es fehlte nur noch der Funke, jener eine, unvorhersehbare Moment, der die Lunte entzünden und alles in Flammen aufgehen lassen würde. Dieser Funke sollte an einem unwahrscheinlichen Ort überspringen: in Sarajevo, der verschlafenen Hauptstadt der erst 1908 von Österreich-Ungarn annektierten Provinz Bosnien-Herzegowina. Die Nachricht, dass der österreichisch-ungarische Thronfolger, Erzherzog Franz Ferdinand, und seine Gemahlin Sophie Chotek, Herzogin von Hohenberg, die Stadt besuchen würden, wurde mit gemischten Gefühlen aufgenommen. Für die k.u.k. Verwaltung war es eine Chance, die Macht und Modernität der Doppelmonarchie zu demonstrieren. Für viele serbische Nationalisten in Bosnien war es jedoch eine Provokation. Der Besuch war ausgerechnet für den 28. Juni angesetzt, den Vidovdan, den Veitstag – ein Datum von immenser symbolischer Bedeutung für die Serben, der Jahrestag der Schlacht auf dem Amselfeld von 1389, einer nationalen Tragödie und eines Mythos des Widerstands gegen fremde Herrscher. In den dunklen Ecken Belgrads und den geheimen Zirkeln Sarajevos wurde dieser Tag als Gelegenheit gesehen, ein blutiges Zeichen zu setzen. Eine kleine Gruppe junger, fiebriger Nationalisten, bewaffnet und angetrieben von einer geheimen Organisation, die sich "Ujedinjenje ili Smrt" (Vereinigung oder Tod) nannte, bereitete sich auf ein Attentat vor. Sie waren keine professionellen Mörder, sondern Studenten und Handwerker, erfüllt von einer romantischen, aber tödlichen Vision eines geeinten Südslawenreiches unter serbischer Führung. Ihr Ziel war nicht nur ein Mann, sondern ein Symbol – das Symbol der verhassten österreichisch-ungarischen Unterdrückung. Niemand in den glitzernden Salons von Wien oder den geschäftigen Ministerien in Berlin konnte ahnen, dass die Reise des Erzherzogs in diese unruhige Provinz der Auftakt zu einem Drama sein würde, das nicht nur sein Leben, sondern auch das von Millionen anderen beenden und die Landkarte Europas für immer verändern sollte.

    Ein Pulverfass namens Balkan: Die Wurzeln des Konflikts

    Um die schicksalhaften Schüsse von Sarajevo zu verstehen, muss man tief in die komplexe und explosive politische Landschaft des Balkans zu Beginn des 20. Jahrhunderts eintauchen. Die Region galt seit langem als das "Pulverfass Europas", ein Mosaik aus Völkern, Religionen und Kulturen, das durch das langsame, aber unaufhaltsame Dahinsiechen des Osmanischen Reiches in einen Zustand chronischer Instabilität geraten war. Über Jahrhunderte hatten die Osmanen den Balkan kontrolliert, doch ihre Macht schwand zusehends, und in dem entstehenden Machtvakuum prallten die Interessen der europäischen Großmächte und die aufkeimenden nationalen Bestrebungen der Balkanvölker aufeinander. Zwei große, multinationale Reiche rangen um die Vorherrschaft: die österreichisch-ungarische Doppelmonarchie im Norden und das zaristische Russland im Osten, das sich als Schutzmacht der slawischen Völker und der orthodoxen Christenheit sah. Im Zentrum dieses Konflikts stand das kleine, aber ambitionierte Königreich Serbien. Seit seiner Autonomie vom Osmanischen Reich im 19. Jahrhundert träumten serbische Nationalisten von der Schaffung eines "Großserbiens" oder eines "Jugoslawiens", eines Staates, der alle Südslawen vereinen sollte. Dieser Traum stand in direktem Widerspruch zu den Interessen Österreich-Ungarns, das selbst eine große südslawische Bevölkerung (Kroaten, Slowenen, bosnische Muslime und Serben) innerhalb seiner Grenzen beherbergte und jede Form von Panslawismus als existenzielle Bedrohung für den Zusammenhalt seines Vielvölkerstaates ansah. Die Spannungen eskalierten dramatisch im Jahr 1908, als Wien die formelle Annexion Bosniens und der Herzegowina bekannt gab, zweier Provinzen, die es bereits seit 1878 militärisch besetzt hielt, die aber nominell noch unter osmanischer Oberhoheit standen. Dieser Schritt löste in Serbien eine Welle der Empörung aus. Bosnien, mit seiner großen serbischen Bevölkerung, wurde als integraler Bestandteil des zukünftigen südslawischen Staates betrachtet. Die Annexion wurde als ein Akt der Aggression und eine Demütigung empfunden. In der Folgezeit verschlechterten sich die Beziehungen zwischen Wien und Belgrad rapide. Wirtschaftliche Sanktionen, wie der sogenannte "Schweinekrieg", bei dem Österreich-Ungarn seine Grenzen für serbische Agrarexporte schloss, vergifteten das Klima weiter. In diesem Umfeld radikalisierte sich der serbische Nationalismus. Geheimgesellschaften schossen aus dem Boden, die mit subversiven und terroristischen Mitteln für die "nationale Sache" kämpften. Die mächtigste und berüchtigtste dieser Organisationen war "Ujedinjenje ili Smrt" (Vereinigung oder Tod), besser bekannt als die "Schwarze Hand". An ihrer Spitze stand Oberst Dragutin Dimitrijević, genannt "Apis", der Chef des serbischen Militärgeheimdienstes. Die Schwarze Hand war ein Netzwerk aus Offizieren, Beamten und Intellektuellen, das tief in den serbischen Staatsapparat verwoben war und dessen Ziel es war, die Vereinigung aller Serben mit allen Mitteln, einschließlich politischer Morde, voranzutreiben. Es war dieses Netzwerk, das die jungen Männer rekrutierte, ausbildete und bewaffnete, die in Sarajevo Geschichte schreiben sollten. Sie sahen in Erzherzog Franz Ferdinand nicht nur den Thronfolger, sondern auch einen Reformer, dessen Pläne für eine stärkere Föderalisierung des Reiches und eine mögliche Aufwertung der Slawen innerhalb der Monarchie (der sogenannte "Trialismus") ihre eigene Vision eines von Belgrad dominierten Staates gefährden könnten. Paradoxwerweise war es gerade Franz Ferdinands relative Offenheit gegenüber den Slawen, die ihn in den Augen der radikalen serbischen Nationalisten zu einem besonders gefährlichen Gegner machte.

    Die Verschwörer: Junge Männer für eine "heilige" Sache

    Die Attentäter von Sarajevo waren keine abgebrühten Kriminellen oder professionellen Killer. Sie waren eine Gruppe von größtenteils sehr jungen Männern, fast noch Jugendliche, die in der komplexen nationalen und sozialen Gemengelage des von Österreich-Ungarn kontrollierten Bosniens aufgewachsen waren. Ihr Anführer und derjenige, der die tödlichen Schüsse abfeuern sollte, war Gavrilo Princip. Geboren 1894 in einem abgelegenen, armen Dorf als Sohn eines Postboten, war Princip ein schmächtiger, aber hochintelligenter und belesener junger Mann. Wie viele seiner Mitstreiter litt er an Tuberkulose, einer damals oft tödlichen Krankheit, die ihm das Gefühl gab, nichts zu verlieren zu haben und sein kurzes Leben einer "höheren" Sache widmen zu müssen. Er und seine Kameraden – darunter Nedeljko Čabrinović, ein Druckerlehrling, und Trifko Grabež, der Sohn eines orthodoxen Priesters – waren bosnische Serben. Sie waren Untertanen des Kaisers Franz Joseph, fühlten sich aber ethnisch und kulturell dem Königreich Serbien zugehörig. Sie lasen nationalistische Literatur, träumten von Heldentum und sahen in der österreichisch-ungarischen Herrschaft eine demütigende Fremdbestimmung.

    Wussten Sie? Dragutin Dimitrijević, "Apis", der Anführer der Schwarzen Hand und Drahtzieher des Attentats, wurde nur drei Jahre später, 1917, von der serbischen Exilregierung aufgrund falscher Anschuldigungen in einem Schauprozess zum Tode verurteilt und hingerichtet. Man wollte einen unbequemen Mitwisser loswerden.

    Gavrilo Princip young photograph
    Gavrilo Princip young photograph

    Ihre Radikalisierung fand in den Cafés und Lesezirkeln von Sarajevo und Belgrad statt. Als Princip für seine Ausbildung nach Belgrad zog, kam er in Kontakt mit dem militanten Nationalismus, der in der serbischen Hauptstadt grassierte. Hier wurde er, zusammen mit Čabrinović und Grabež, von der "Schwarzen Hand" rekrutiert. Die Organisation erkannte in diesen fiebrigen, idealistischen und verzweifelten jungen Männern die perfekten Werkzeuge für ihre Pläne. Die Ausbildung war rudimentär, aber effektiv. Man brachte ihnen in einem Park in Belgrad den Umgang mit den Waffen bei, die man für sie besorgt hatte: vier halbautomatische Pistolen des Typs FN Model 1910, sechs Handgranaten und, für den Fall der Gefangennahme, kleine Phiolen mit Zyankali. Die Waffen stammten aus serbischen Militärbeständen, ein Beweis für die tiefen Verstrickungen des Staatsapparates in die Verschwörung. Ende Mai 1914 machten sich die drei jungen Männer auf den Weg zurück nach Bosnien. Ihre Reise war ein konspiratives Meisterstück, das die porösen Grenzen und das dichte Netzwerk von Sympathisanten der Schwarzen Hand offenbarte. Mit Hilfe von serbischen Grenzoffizieren, Bauern, Lehrern und Priestern, die alle Teil der Verschwörung waren, schmuggelten sie die Waffen über den Fluss Drina. In Sarajevo angekommen, versteckten sie sich und nahmen Kontakt zu einer lokalen Zelle von Verschwörern auf, die von dem Lehrer Danilo Ilić geleitet wurde. Ilić rekrutierte weitere junge Männer – Vaso Čubrilović, Cvjetko Popović und Muhamed Mehmedbašić, einen bosnischen Muslim, was der Gruppe einen multiethnischen Anstrich geben sollte. Sie verteilten die Waffen, legten die Positionen entlang der geplanten Route des Erzherzogs fest und warteten. Für sie war das geplante Attentat kein Akt des Terrors, sondern ein Tyrannenmord, ein revolutionärer Akt der Befreiung, der das Signal für einen allgemeinen Aufstand der Südslawen gegen die Habsburger geben sollte. Sie waren sich der möglichen Konsequenzen, eines Krieges zwischen Österreich-Ungarn und Serbien, bewusst, nahmen ihn aber in Kauf oder sehnten ihn sogar herbei. In ihrer jugendlichen, nihilistischen Weltsicht war die Zerstörung der alten Ordnung eine notwendige Voraussetzung für die Geburt ihrer neuen, erträumten Welt.

    Der schicksalhafte Tag: Chronik eines angekündigten Todes

    Der 28. Juni 1914 dämmerte über Sarajevo als ein sonniger, warmer Sommertag. Die Stadt war geschmückt mit Flaggen der Habsburger und Bosniens, doch die Atmosphäre war angespannt. Der Besuch des Thronfolgers an diesem für die Serben so symbolträchtigen Datum, dem Vidovdan, war von vielen als bewusste Provokation empfunden worden. Warnungen vor einem möglichen Attentat hatte es im Vorfeld gegeben, unter anderem vom serbischen Gesandten in Wien, doch sie wurden vom Militärgouverneur Bosniens, Feldzeugmeister Oskar Potiorek, weitgehend in den Wind geschlagen. Potiorek wollte die Stärke und Kontrolle der Monarchie demonstrieren und hielt massive Sicherheitsvorkehrungen für ein Zeichen der Schwäche. Die Zahl der Polizisten und Soldaten entlang der Route war erschreckend gering, nur etwa 120 Gendarmen sicherten die kilometerlange Strecke vom Bahnhof zum Rathaus. Am Vormittag traf der Erzherzog mit seiner Frau Sophie per Zug in Sarajevo ein. Sie bestiegen einen offenen Gräf & Stift-Phaeton und fuhren in einer Kolonne von sechs Fahrzeugen in Richtung Stadtzentrum. Entlang der Route, am Appel-Kai, hatten sich die sieben Attentäter postiert, jeder mit einer Bombe oder einer Pistole bewaffnet. Die Prozession fuhr zunächst unbehelligt an den ersten beiden Verschwörern, Mehmedbašić und Čubrilović, vorbei. Beide taten nichts, möglicherweise aus Angst oder weil die Menschenmenge zu dicht war. Der dritte in der Reihe war Nedeljko Čabrinović. Gegen 10:15 Uhr, als die Kolonne sich der Ćumurija-Brücke näherte, zündete er seine Bombe und warf sie auf das Auto des Erzherzogs. Der Fahrer bemerkte das herannahende Objekt, gab Gas, und der Erzherzog hob instinktiv den Arm. Die Bombe prallte von der zurückgeklappten Abdeckung des Wagens ab, rollte auf die Straße und explodierte unter dem nachfolgenden Fahrzeug. Die Explosion riss einen Krater in die Straße und verletzte etwa zwanzig Personen, darunter den Oberstleutnant Erik von Merizzi und den Grafen Alexander von Boos-Waldeck, die im dritten Auto saßen. Sophie wurde durch ein Splitterstück leicht an der Wange verletzt.

    Archduke Franz Ferdinand Sophie Chotek car
    Archduke Franz Ferdinand Sophie Chotek car

    Im ensuing Chaos schluckte Čabrinović seine Zyankalikapsel und sprang in den flachen Fluss Miljacka, um zu entkommen. Doch das Gift war alt und zu schwach, es verursachte nur Erbrechen. Das Wasser war nur wenige Zentimeter tief, sodass er auch nicht ertrinken konnte. Er wurde schnell von der Menge gepackt und von der Polizei verhaftet. Die Wagenkolonne raste daraufhin zum Rathaus. Franz Ferdinand war sichtlich erschüttert und wütend. Als der Bürgermeister seine vorbereitete Willkommensrede beginnen wollte, unterbrach ihn der Erzherzog scharf: "Herr Bürgermeister, da kommt man nach Sarajevo, um einen Besuch zu machen, und wird mit Bomben beworfen! Das ist empörend!" Nachdem er sich wieder beruhigt hatte, fuhr er mit dem offiziellen Programm fort. Während des Empfangs wurde eine folgenschwere Entscheidung getroffen. Anstatt die Stadt auf dem schnellsten und sichersten Weg zu verlassen, beschloss Franz Ferdinand, seine Pläne zu ändern. Er wollte die Verletzten des Bombenanschlags im Krankenhaus besuchen. Es war eine Geste des Mitgefühls, die ihm und seiner Frau das Leben kosten sollte. Potiorek stimmte zu und versicherte, dass die Route geändert würde: Man würde direkt den Appel-Kai entlangfahren und die engen Gassen der Altstadt meiden. Doch in der Hektik und Verwirrung unterlief den Verantwortlichen ein fataler Fehler: Sie informierten den Fahrer des ersten Wagens in der Kolonne über die Routenänderung, nicht aber Leopold Lojka, den Chauffeur von Franz Ferdinand und Sophie. Das Schicksal nahm seinen Lauf.

    Wussten Sie? Die Pistole, die Gavrilo Princip benutzte, eine belgische FN Model 1910 mit der Seriennummer 19074, wurde nach dem Attentat einem Jesuitenpater übergeben, der dem Erzherzog die letzte Ölung spendete. Sie landete schließlich in einer Jesuitensammlung und wird heute im Heeresgeschichtlichen Museum in Wien aufbewahrt.

    Die zweite Chance: Eine falsche Abbiegung und zwei tödliche Schüsse

    Nach dem gescheiterten Bombenanschlag und dem angespannten Empfang im Rathaus schien die unmittelbare Gefahr für den Erzherzog gebannt. Die Verschwörung war aufgeflogen, einer der Attentäter gefasst. Die anderen hatten sich in der Menge zerstreut, überzeugt, ihre Chance verpasst zu haben. Unter ihnen war auch Gavrilo Princip. Enttäuscht und frustriert hatte er seinen Posten verlassen und war über die Lateinerbrücke auf die andere Seite des Flusses gegangen. Er positionierte sich vor dem Delikatessengeschäft von Moritz Schiller, vielleicht um sich einen Moment zu sammeln oder auf Nachrichten zu warten. Die Wahrscheinlichkeit, dass er an diesem Tag noch eine Gelegenheit bekommen würde, war verschwindend gering. Doch dann griff eine Kette von Zufällen, Fehlern und unglücklichen Entscheidungen in den Lauf der Geschichte ein. Die Wagenkolonne verließ das Rathaus, um zum Krankenhaus zu fahren. Wie geplant, bog das Führungsfahrzeug vom Appel-Kai nicht in die Franz-Joseph-Straße ab, sondern fuhr geradeaus weiter. Leopold Lojka, der Fahrer des Erzherzogs, der keine Anweisung zur Routenänderung erhalten hatte, folgte jedoch der ursprünglich geplanten Route und bog rechts in die enge Gasse ein. In diesem Moment rief Gouverneur Potiorek, der mit im Wagen saß: "Halt! Das ist der falsche Weg! Wir sollen den Kai entlangfahren!" Lojka bremste abrupt und begann, den schweren Wagen langsam und umständlich zurückzusetzen. Das Getriebe blockierte kurz, der Motor starb möglicherweise sogar ab. Für einige Sekunden stand das offene Automobil mit dem Thronfolger und seiner Frau still – direkt vor dem Delikatessengeschäft, keine zwei Meter von Gavrilo Princip entfernt. Princip konnte sein Glück kaum fassen. Die Geschichte bot ihm eine zweite, perfekte und völlig unerwartete Chance. Ohne zu zögern, trat er vor, zog seine FN-Pistole aus der Tasche und feuerte aus nächster Nähe zwei Schüsse ab. Der erste Schuss traf Sophie in den Unterleib. Sie sank sofort in sich zusammen. Der zweite Schuss traf Franz Ferdinand in den Hals, durchschlug seine Halsschlagader und die Luftröhre. Zuerst schien es, als sei niemand ernsthaft verletzt. Graf Harrach, der auf dem Trittbrett des Wagens stand, um den Erzherzog mit seinem Körper zu schützen (allerdings auf der falschen Seite), sah nur, wie Franz Ferdinand eine Hand an den Mund legte. Sophie, die bereits das Bewusstsein verlor, soll zu ihrem Mann gesagt haben: "Sopherl, Sopherl, sterbe nicht! Bleib für unsere Kinder am Leben!" Der Erzherzog, der noch bei Bewusstsein war, antwortete Berichten zufolge immer wieder auf die Frage, ob er Schmerzen habe, mit den Worten: "Es ist nichts." Doch dann sank auch er zusammen, Blut rann aus seinem Mund. Es waren seine letzten Worte. Wenige Minuten später, auf der Fahrt zur Residenz des Gouverneurs, dem Konak, waren sowohl der Erzherzog als auch seine Gemahlin tot. Princip versuchte nach den Schüssen, seine Zyankalikapsel zu schlucken und sich selbst zu erschießen, wurde aber von umstehenden Passanten überwältigt und von der Polizei verhaftet. Die beiden Schüsse, abgefeuert in einer kleinen Gasse in Sarajevo aufgrund einer falschen Abbiegung, hatten nicht nur zwei Menschenleben beendet, sondern auch das Ende einer ganzen Epoche eingeläutet.

    Arrest of Gavrilo Princip Sarajevo
    Arrest of Gavrilo Princip Sarajevo

    Die Julikrise: Vom Attentat zum Weltkrieg

    Die Nachricht vom Tod des österreichisch-ungarischen Thronfolgers verbreitete sich wie ein Lauffeuer in den Hauptstädten Europas, löste jedoch zunächst keine unmittelbare Panik aus. Politische Morde waren zu dieser Zeit nicht ungewöhnlich, und viele erwarteten eine lokal begrenzte Krise, eine Strafaktion Österreich-Ungarns gegen Serbien. Niemand rechnete mit einem kontinentalen Flächenbrand. Doch in den Regierungskanzleien von Wien und Berlin sah man die Gelegenheit, die "serbische Frage" ein für alle Mal militärisch zu lösen. Die "Kriegspartei" in Wien, angeführt vom Generalstabschef Franz Conrad von Hötzendorf, drängte seit langem auf einen Präventivkrieg gegen Serbien. Das Attentat lieferte ihnen nun den perfekten Vorwand. Die entscheidende Weichenstellung erfolgte jedoch in Berlin. Am 5. und 6. Juli empfing der deutsche Kaiser Wilhelm II. einen Gesandten aus Wien und sicherte Österreich-Ungarn die uneingeschränkte Bündnistreue Deutschlands für ein Vorgehen gegen Serbien zu, selbst wenn dies zu einem Krieg mit Russland führen sollte. Diese Zusage ging als der "Blankoscheck" in die Geschichte ein. Er ermutigte Österreich-Ungarn, einen harten und unnachgiebigen Kurs zu fahren, in dem Wissen, dass die stärkste Militärmacht des Kontinents hinter ihm stand. Wien ließ sich Zeit, um eine Reaktion vorzubereiten. Man wollte die Ernte abwarten, um die Soldaten einziehen zu können, und wartete, bis der französische Präsident und sein Premierminister ihren Staatsbesuch in Russland beendet hatten. Schließlich, am 23. Juli 1914, fast einen Monat nach dem Attentat, überreichte Österreich-Ungarn ein Ultimatum an Serbien. Es war bewusst so formuliert, dass es für einen souveränen Staat unannehmbar sein musste. Es enthielt zehn harte Forderungen, darunter die Unterdrückung jeglicher anti-österreichischer Propaganda, die Auflösung nationalistischer Organisationen wie der "Narodna Odbrana" und, der entscheidende Punkt 6, die Mitwirkung von k.u.k. Organen bei der Untersuchung der Verschwörung auf serbischem Territorium. Dies kam einer Aufgabe der serbischen Souveränität gleich. Zur Überraschung der Welt fiel die serbische Antwort, die innerhalb der knappen 48-Stunden-Frist am 25. Juli eintraf, äußerst konziliant aus. Serbien akzeptierte neun der zehn Forderungen fast vollständig und schlug vor, den umstrittenen Punkt 6 dem Internationalen Gerichtshof in Den Haag vorzulegen. Selbst Kaiser Wilhelm II. meinte nach der Lektüre der serbischen Antwort, dass nun jeder Grund zum Kriege entfalle. Doch die Entscheidungsträger in Wien waren zum Krieg entschlossen. Sie bezeichneten die Antwort als unzureichend und brachen die diplomatischen Beziehungen zu Serbien ab. Am 28. Juli 1914, genau einen Monat nach den Schüssen von Sarajevo, erklärte Österreich-Ungarn Serbien den Krieg. Am folgenden Tag begannen österreichische Donauschiffe, Belgrad zu beschießen. Von diesem Moment an setzte eine fatale Kettenreaktion ein, angetrieben durch das starre System der Militärallianzen. Russland, als Schutzmacht Serbiens, ordnete die Teilmobilmachung seiner Armee an. Deutschland, das dies als direkte Bedrohung empfand, forderte Russland auf, die Mobilmachung zurückzunehmen. Als dies nicht geschah, erklärte Deutschland am 1. August Russland den Krieg und, da Frankreich Russlands Verbündeter war, zwei Tage später auch Frankreich. Um Frankreich schnell zu besiegen, setzte der deutsche Generalstab den "Schlieffen-Plan" in Kraft, der einen Angriff durch das neutrale Belgien vorsah. Die Verletzung der belgischen Neutralität wiederum zwang Großbritannien, das die belgische Unabhängigkeit garantiert hatte, am 4. August Deutschland den Krieg zu erklären. Innerhalb einer Woche befand sich Europa im Krieg. Die Julikrise war beendet, der Erste Weltkrieg hatte begonnen.

    Ein Echo, das die Welt veränderte

    Das Attentat von Sarajevo war der Funke, der das Pulverfass Europa zur Explosion brachte, aber es war nicht die tiefere Ursache des Krieges. Die wahren Brandbeschleuniger waren die seit Jahrzehnten schwelenden Konflikte: ein aggressiver Militarismus, der Wettrüsten und detaillierte Kriegspläne hervorbrachte; ein starres System von Allianzen (die Triple Entente aus Frankreich, Russland und Großbritannien gegen die Mittelmächte Deutschland und Österreich-Ungarn), das jede lokale Krise zu einer kontinentalen machte; ein rücksichtsloser Imperialismus, der die europäischen Mächte in einen globalen Wettbewerb um Kolonien und Einfluss stürzte; und ein fanatischer Nationalismus, der Völker gegeneinander aufhetzte und den Krieg als legitimes Mittel zur Durchsetzung nationaler Interessen verherrlichte. Die Schüsse des Gavrilo Princip kanalisierten all diese aufgestauten Energien und setzten eine Dynamik in Gang, die niemand mehr kontrollieren konnte. Das Schicksal der Verschwörer selbst war tragisch und unspektakulär. Da sie zum Zeitpunkt der Tat unter zwanzig Jahre alt waren, konnten sie nach habsburgischem Recht nicht zum Tode verurteilt werden. In einem Prozess in Sarajevo im Oktober 1914 wurden Princip, Čabrinović und Grabež zu zwanzig Jahren schwerem Kerker verurteilt. Sie wurden in die Festung Theresienstadt (im heutigen Tschechien) verbracht, wo sie unter entsetzlichen Bedingungen litten. Alle drei starben noch vor dem Ende des Krieges an den Folgen der Tuberkulose, die durch die katastrophalen Haftbedingungen verschlimmert wurde. Gavrilo Princip starb im April 1918, nur wenige Monate bevor sein Traum eines vereinten Südslawenstaates – wenn auch in Form des Königreichs der Serben, Kroaten und Slowenen (später Jugoslawien) – auf den Ruinen der von ihm so gehassten Monarchie Wirklichkeit wurde. Seine Wahrnehmung schwankt bis heute zwischen der eines terroristischen Mörders und der eines nationalen Helden und Freiheitskämpfers. Die Folgen des Krieges, den sein Attentat auslöste, waren katastrophal und von unvorstellbarem Ausmaß. Über 17 Millionen Menschen, Soldaten und Zivilisten, verloren ihr Leben. Vier große Kaiserreiche – das Deutsche, das Österreichisch-Ungarische, das Russische und das Osmanische – zerfielen und verschwanden von der Landkarte. Ganze Landstriche in Frankreich und Belgien waren verwüstet. Der Krieg führte zur Russischen Revolution und dem Aufstieg des Kommunismus, er ebnete den Weg für den Faschismus in Italien und den Nationalsozialismus in Deutschland und säte die Samen für den Zweiten Weltkrieg nur zwei Jahrzehnte später. Die Welt von 1914, die selbstbewusste, optimistische Welt der Belle Époque, wurde in den Schützengräben von Verdun und an der Somme unwiederbringlich zerstört. Alles begann an einem sonnigen Junitag in Sarajevo, mit einer falschen Abbiegung, einem stehengebliebenen Auto und zwei Pistolenschüssen eines tuberkulösen Studenten. Das Echo dieser Schüsse hallt bis heute nach – eine ewige Mahnung, wie schnell eine scheinbar stabile Welt durch eine Kombination aus politischem Fanatismus, staatlicher Arroganz und diplomatischem Versagen ins Wanken geraten und in den Abgrund stürzen kann.

    Wussten Sie? Leopold Lojka, der Fahrer des Wagens, wurde nie für seinen fatalen Fehler belangt. Er eröffnete später ein Gasthaus in Brünn und zeigte stolz ein Foto "seines" Wagens, wobei er die Geschichte des Attentats immer wieder erzählte und seine eigene Rolle darin zu einer Art makabren Heldengeschichte stilisierte.

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