Die unsterbliche Odyssee: Odysseus' brutale Reise nach Hause - History Unlocked
    Mythologie und Antike Götter

    Die unsterbliche Odyssee: Odysseus' brutale Reise nach Hause

    23 Min. Lesezeit

    Der Staub von Troja hatte sich kaum gelegt, die Asche der einst so prächtigen Stadt war noch warm, und doch begann für einen Mann eine neue Schlacht, die weitaus länger und zermürbender sein sollte als der zehnjährige Krieg selbst. Dieser Mann war Odysseus, König der kleinen, felsigen Insel Ithaka, der Listige, der Erfinder des hölzernen Pferdes, das Troja zu Fall gebracht hatte. Während die anderen griechischen Helden ihre Segel in Richtung Heimat setzten, in Erwartung von Ruhm und einem friedlichen Lebensabend, zog Odysseus unwissentlich den Zorn eines Gottes auf sich, der seine Heimkehr in einen Albtraum verwandeln sollte. Seine Reise, die hätte Wochen dauern sollen, dehnte sich zu einem ganzen Jahrzehnt aus – einem Jahrzehnt voller übernatürlicher Stürme, monströser Kreaturen, betörender Zauberinnen und herzzerreißender Verluste. Die Odyssee ist nicht nur eine Abenteuergeschichte; sie ist das archetypische Epos der menschlichen Existenz, eine tiefgründige Meditation über Nostalgie, Identität, Versuchung und die unbezwingbare Kraft des menschlichen Willens. Es ist die Geschichte eines Mannes, der alles verliert – seine Schiffe, seine Mannschaft, seine Jugend –, aber niemals die Sehnsucht nach Heimat, nach seiner treuen Frau Penelope und seinem Sohn Telemachos, den er als Säugling zurücklassen musste. Seine Waffe in diesem Kampf ist nicht mehr das Schwert, sondern sein Verstand, seine sprichwörtliche „Metis“ (Klugheit), die Fähigkeit, sich anzupassen, zu täuschen und selbst in der tiefsten Verzweiflung einen Ausweg zu finden. Die Götter des Olymps beobachten sein Schicksal wie ein Schachspiel, greifen ein, legen ihm Steine in den Weg oder reichen ihm eine helfende Hand, allen voran seine Schutzgöttin Athene. Doch der wahre Motor der Geschichte ist der unerbittliche Hass des Meeresgottes Poseidon, dessen Sohn Odysseus blenden wird und der schwört, dass der Held niemals wieder das heimatliche Ufer sehen soll. Diese Reise wird Odysseus an die Grenzen der bekannten Welt und darüber hinaus führen, in die Tiefen der Unterwelt und auf Inseln, die kein Sterblicher je zuvor betreten hat. Er wird Unsterblichkeit angeboten bekommen und sie ausschlagen, um für ein sterbliches Leben voller Liebe und Verantwortung zu kämpfen. Die Odyssee ist somit die ultimative Erzählung über das, was es bedeutet, menschlich zu sein: zu leiden, zu kämpfen und trotz allem nach dem Ort zu streben, den wir Zuhause nennen.

    Der Zorn der Götter: Beginn einer zehnjährigen Irrfahrt

    Kaum hatten die Segel der verbliebenen zwölf Schiffe von Odysseus die Küste des zerstörten Trojas verlassen, begann das Schicksal, seine tückischen Fäden zu spinnen. Der erste Fehler, begangen aus Gier und Kriegsrausch, führte sie nach Ismaros, der Stadt der Kikonen. Anstatt friedlich vorbeizusegeln, plünderten und brandschatzten Odysseus’ Männer die Stadt, töteten die Männer und teilten Frauen und Schätze unter sich auf. Doch die Kikonen sammelten sich im Landesinneren und schlugen in der Morgendämmerung zurück. In einer blutigen Schlacht verlor Odysseus auf jedem seiner Schiffe sechs Männer. Es war eine schmerzhafte, aber notwendige Lektion: Der Krieg war vorbei, doch die Mentalität des Kriegers würde in der neuen Welt, die sie nun befuhren, nur zu weiterem Tod führen. Von dort trieb sie ein neuntägiger Sturm, von den Göttern gesandt, weit von ihrem Kurs ab, vorbei an der Insel Kythera und in unbekannte Gewässer. Ihr nächster Halt war das Land der Lotophagen, der Lotosesser. Hier lauerte eine subtilere Gefahr als Schwerter und Speere. Die Männer, die von der honigsüßen Lotosfrucht aßen, vergaßen augenblicklich ihre Heimat, ihre Familien und jegliche Sehnsucht nach Rückkehr. Sie wollten nur noch bleiben und sich dem endlosen, sanften Vergessen hingeben. Odysseus musste seine Männer mit Gewalt zu den Schiffen zerren und sie an die Ruderbänke fesseln, um sie diesem süßen Tod zu entreißen. Die Episode ist eine eindringliche Metapher für die Versuchung, den Schmerz der Vergangenheit und die Mühsal der Zukunft durch Vergessen zu ersetzen.

    Odysseus blinding Polyphemus amphora
    Odysseus blinding Polyphemus amphora

    Der wahre Wendepunkt, der Odysseus’ Schicksal besiegelte, war jedoch die Ankunft im Land der Zyklopen, der einäugigen Riesen. Angetrieben von Neugier – einer seiner prägendsten, aber auch gefährlichsten Eigenschaften – nahm er zwölf seiner besten Männer und einen Schlauch mit starkem, unverdünntem Wein, um eine Höhle zu erkunden. Der Bewohner, der Zyklop Polyphem, kehrte bald zurück und blockierte den Eingang mit einem gewaltigen Felsbrocken. Schnell offenbarte sich seine monströse Natur: Er missachtete das heilige Gesetz der Gastfreundschaft („Xenia“) auf brutalste Weise, indem er zwei von Odysseus’ Männern packte und sie roh verschlang. Gefangen in der Höhle, ohne Hoffnung auf Flucht, musste Odysseus seine ganze List aufbieten. Er tischte dem Riesen eine Geschichte auf, nannte sich selbst „Niemand“ (Outis) und machte den Zyklopen mit dem starken Wein betrunken. Als Polyphem in einen tiefen Schlaf fiel, erhitzten Odysseus und seine Männer einen zugespitzten Olivenbaumstamm im Feuer und rammten ihn in das einzige Auge des Riesen. Der Schrei des geblendeten Polyphem hallte durch die Berge. Als andere Zyklopen herbeieilten und fragten, wer ihm Leid zufüge, schrie er: „Niemand tut mir Leid an! Niemand blendet mich!“. Die anderen Zyklopen zogen kopfschüttelnd ab, im Glauben, er sei von den Göttern mit Wahnsinn geschlagen worden. Die Flucht war ebenso genial: Odysseus band seine Männer unter die Bäuche der riesigen Schafe des Polyphem, während er sich selbst unter den größten Widder klammerte. Am nächsten Morgen tastete der blinde Riese die Rücken der Schafe ab, als er sie aus der Höhle ließ, und bemerkte die darunter versteckten Männer nicht. Doch als sie sicher auf ihren Schiffen waren, konnte Odysseus nicht widerstehen. In einem Anfall von Hybris und dem Bedürfnis nach Ruhm rief er dem Riesen seinen wahren Namen zu: „Wenn dich jemand fragt, wer dich geblendet hat, so sage: Es war Odysseus, der Zerstörer von Städten, der Sohn des Laertes aus Ithaka!“ Dieser Moment des Triumphs war sein größter Fehler. Polyphem, der Sohn des Poseidon, hörte ihn und flehte zu seinem Vater, Rache zu nehmen. Er verfluchte Odysseus, er solle entweder niemals nach Hause zurückkehren oder nur allein, nach langen Jahren des Leidens und auf einem fremden Schiff. Poseidon erhörte das Gebet seines Sohnes und wurde von diesem Moment an zu Odysseus’ unerbittlichem göttlichen Feind.

    Wussten Sie? Der Name „Odysseus“ (Ὀδυσσεύς) ist etymologisch mit dem griechischen Verb „odýssomai“ (ὀδύσσομαι) verbunden, was so viel bedeutet wie „hassen“, „zürnen“ oder „Schmerz erleiden/verursachen“. Sein Name ist also eine Prophezeiung seines eigenen Schicksals als ein Mann, der sowohl viel Leid erfährt als auch anderen Leid zufügt.

    Von Zauberinnen und Ungeheuern: Kirke und die Unterwelt

    Nach der katastrophalen Begegnung mit dem Zyklopen führte die Reise Odysseus zur schwimmenden Insel des Aiolos, des Herrn der Winde. Aiolos empfing sie gastfreundlich und, um Odysseus’ Heimkehr zu unterstützen, gab er ihm einen Beutel aus Ochsenleder, in dem alle widrigen Winde eingesperrt waren. Nur der sanfte Westwind Zephyr wurde freigelassen, um die Schiffe sicher nach Ithaka zu geleiten. Neun Tage und Nächte segelten sie, und am zehnten Tag war die Küste Ithakas bereits in Sicht. Odysseus, erschöpft, fiel in einen tiefen Schlaf. Doch seine Mannschaft, vom Misstrauen und Neid zerfressen, glaubte, der Beutel enthalte Gold und Silber, das ihr Anführer für sich allein behalten wollte. Sie öffneten den Beutel. Augenblicklich entwichen die gefangenen Winde in einem gewaltigen Sturm, der die Flotte zurück auf offene See und direkt wieder zu Aiolos’ Insel trieb. Doch diesmal war der Empfang eisig. Aiolos jagte sie fort, überzeugt, dass Odysseus von den Göttern verflucht sein müsse. Dieser erneute Rückschlag, verursacht durch die Torheit der eigenen Männer, war ein weiterer Schlag für die Moral. Die Reise führte sie weiter ins Land der Laistrygonen, ein Volk von kannibalischen Riesen. Während Odysseus sein eigenes Schiff vorsichtshalber in einer abgelegenen Bucht ankerte, fuhren die anderen elf Schiffe in den trügerisch sicheren Hafen. Die Laistrygonen begannen, die Schiffe mit riesigen Felsbrocken zu zerschmettern und die Seeleute wie Fische aufzuspießen. Nur Odysseus’ Schiff entkam diesem Massaker. Mit einem einzigen Schiff und einer Handvoll überlebender, traumatisierter Männer erreichte er schließlich die Insel Aiaia, die Heimat der geheimnisvollen Zauberin Kirke.

    Eine Erkundungsgruppe unter der Führung von Eurylachos fand Kirkes Palast, wurde von der wunderschönen Göttin freundlich empfangen und zu einem Mahl eingeladen. Doch die Speisen waren mit einem Zaubertrank versetzt. Kaum hatten die Männer gegessen, verwandelte Kirke sie mit ihrem Zauberstab in Schweine und sperrte sie in einen Stall, obwohl sie ihr menschliches Bewusstsein behielten. Nur Eurylachos, der misstrauisch draußen gewartet hatte, konnte entkommen und Odysseus von dem schrecklichen Geschehen berichten. Entschlossen, seine Männer zu retten, machte sich Odysseus allein auf den Weg. Unterwegs begegnete ihm der Götterbote Hermes in Gestalt eines jungen Mannes. Er warnte Odysseus vor Kirkes Magie und gab ihm das Kraut „Moly“, eine Pflanze mit schwarzer Wurzel und milchweißer Blüte, die ihn vor der Verzauberung schützen würde. Hermes riet ihm auch, Kirkes Zaubertrank furchtlos zu trinken und, wenn sie ihren Stab erhebt, sein Schwert zu ziehen, als wolle er sie töten. Kirke würde ihm dann aus Angst anbieten, ihr Bett zu teilen, was er nicht ablehnen, sie aber zuvor zwingen solle, den großen Eid der Götter zu schwören, ihm kein weiteres Leid zuzufügen. Alles geschah wie vorhergesagt. Kirkes Magie scheiterte an dem Kraut Moly, und überwältigt von Odysseus’ Immunität erkannte sie in ihm den von Hermes prophezeiten Helden. Sie schwor den Eid und verwandelte seine Männer zurück in ihre menschliche Gestalt. Statt einer Feindin wurde Kirke zu einer mächtigen Verbündeten und Geliebten. Odysseus und seine erschöpfte Mannschaft blieben ein ganzes Jahr auf ihrer Insel, erholten sich in Luxus und Überfluss, eine weitere verführerische Verzögerung auf dem Weg nach Hause. Als Odysseus schließlich den Drang zur Heimkehr wieder verspürte, offenbarte Kirke ihm eine letzte, schreckliche Notwendigkeit: Er konnte nicht direkt nach Ithaka segeln. Zuerst musste er eine Reise an einen Ort unternehmen, von dem nur wenige Sterbliche zurückkehren – das Haus des Hades, die Unterwelt. Dort müsse er den Geist des blinden thebanischen Sehers Teiresias befragen, der allein ihm den Weg nach Hause weissagen könne.

    Circe offering the cup painting
    Circe offering the cup painting

    Die Nekyia: Eine Reise ins Herz der Finsternis

    Die von Kirke aufgetragene Reise ins Reich der Toten, die sogenannte „Nekyia“, stellt den emotionalen und psychologischen Tiefpunkt von Odysseus’ Irrfahrt dar. Es ist eine Konfrontation nicht nur mit dem Tod selbst, sondern auch mit den Geistern der Vergangenheit, mit verpassten Gelegenheiten und den Konsequenzen seiner Taten. Nach Kirkes Anweisungen segelte Odysseus zum Rand der Welt, zum Land der Kimmerier, das ewig in Nebel und Dunkelheit gehüllt ist. Dort, an der von Kirke bezeichneten Stelle, grub er eine Grube und vollzog die vorgeschriebenen Rituale: Er spendete den Toten Trankopfer aus Honig, Milch, Wein und Wasser, betete zu ihnen und schwor, ihnen nach seiner Heimkehr sein bestes Rind zu opfern. Schließlich schächtete er ein schwarzes Schaf und einen schwarzen Widder, deren Blut in die Grube floss. Der Geruch des Blutes lockte die Schatten der Verstorbenen aus dem Erebos herbei. Odysseus musste mit gezücktem Schwert Wache halten und die Geister davon abhalten, vom Blut zu trinken, bevor der Seher Teiresias erschienen war.

    Wussten Sie? Die Episode der „Nekyia“ in der Odyssee war stilbildend für die westliche Literatur. Das Motiv der „Katabasis“, des Abstiegs in die Unterwelt, wurde von unzähligen späteren Autoren aufgegriffen, von Vergil in der „Aeneis“ (wo Aeneas seinen Vater Anchises besucht) bis hin zu Dante Alighieri in der „Göttlichen Komödie“.

    Der erste Geist, der ihm begegnete, war der seines eigenen Mannes Elpenor, der kurz vor der Abreise von Kirkes Insel betrunken vom Dach gefallen war und sich das Genick gebrochen hatte. Im Trubel der Abfahrt hatte die Mannschaft seinen Tod nicht bemerkt. Elpenor flehte Odysseus an, zu Kirkes Insel zurückzukehren und seinen Körper zu bestatten, damit seine Seele Frieden finden könne – eine eindringliche Erinnerung an die heiligen Pflichten gegenüber den Toten, die im Krieg und auf der Flucht so leicht vergessen werden. Als nächstes erschien der Geist seiner Mutter, Antikleia, die er bei seinem Aufbruch nach Troja lebend zurückgelassen hatte. Sein Herz brach, als er sie sah, aber er musste sie zurückhalten, bis Teiresias gesprochen hatte. Schließlich erschien der blinde Seher selbst. Nachdem er vom Blut getrunken hatte, sprach er seine düstere Prophezeiung aus: Poseidon würde die Heimreise weiterhin erschweren. Er warnte Odysseus eindringlich davor, die heiligen Rinder des Sonnengottes Helios auf der Insel Thrinakia anzutasten. Wenn er und seine Männer die Rinder verschonten, könnten sie nach Hause zurückkehren. Wenn sie sie jedoch anrührten, würden Schiff und Mannschaft untergehen, und Odysseus würde allein, nach vielen Jahren und auf einem fremden Schiff in Ithaka ankommen, wo er sein Haus von frevelhaften Freiern besetzt finden würde. Teiresias prophezeite auch Odysseus’ Rache an den Freiern und sogar sein eigenes Ende: ein sanfter Tod, der „aus dem Meer“ kommen würde, lange nachdem er sein Königreich wiederhergestellt hatte.

    Nachdem Teiresias gesprochen hatte, erlaubte Odysseus seiner Mutter, vom Blut zu trinken. Im herzzerreißenden Gespräch erfuhr er, dass sie aus Gram und Sehnsucht nach ihm gestorben war. Er erfuhr auch vom unerschütterlichen Warten Penelopes und vom Heranwachsen seines Sohnes Telemachos. Dreimal versuchte er, den Schatten seiner Mutter zu umarmen, doch dreimal glitt sie wie ein Traum durch seine Arme – eine der schmerzhaftesten Darstellungen der unüberwindbaren Kluft zwischen Lebenden und Toten. Danach erlaubte die Göttin Persephone einer ganzen Reihe von Geistern berühmter Helden, zu ihm zu kommen. Er sprach mit Agamemnon, der ihm von seinem verräterischen Tod durch seine Frau Klytaimnestra und ihren Liebhaber Aigisthos berichtete – eine düstere Warnung an Odysseus, bei seiner eigenen Rückkehr vorsichtig zu sein. Er sah Achilleus, den größten aller griechischen Krieger, der ihm gestand, dass er lieber ein armer Tagelöhner auf Erden wäre, als über alle Toten im Hades zu herrschen. Hier relativiert sich der heroische Ruhm im Angesicht der Endgültigkeit des Todes. Er sah auch Aias, der ihm immer noch wegen des Streits um die Waffen des Achilleus zürnte und sich weigerte, mit ihm zu sprechen. Diese Parade der gefallenen Kameraden und Ahnen ist eine Konfrontation mit der Leere des Ruhms und dem Gewicht der eigenen Sterblichkeit. Die Reise in die Finsternis gab Odysseus nicht nur eine Wegbeschreibung, sondern auch eine tiefere Einsicht in das Leben, den Tod und den wahren Wert dessen, wofür er kämpfte.

    Die tödlichen Verlockungen der See: Sirenen, Skylla und Charybdis

    Gestärkt und gewarnt durch die Prophezeiungen aus der Unterwelt, kehrte Odysseus zunächst zu Kirkes Insel zurück, um den Leichnam von Elpenor zu bestatten und weitere Anweisungen für die gefährliche Weiterfahrt zu erhalten. Kirke, nun eine weise Ratgeberin, beschrieb ihm detailliert die drei unentrinnbaren Gefahren, die zwischen ihrer Insel und Ithaka lagen. Zuerst würden sie die Insel der Sirenen passieren, jener Wesen mit Vogelkörpern und Frauenköpfen, deren unwiderstehlicher Gesang jeden Seefahrer ins Verderben lockte. Wer ihre Stimme hörte, vergaß alles und zerschellte an den Felsen, die von den Knochen ihrer Opfer übersät waren. Kirke riet Odysseus, die Ohren seiner Mannschaft mit Bienenwachs zu versiegeln. Für ihn selbst, den ewig Wissbegierigen, hatte sie einen anderen Plan: Er sollte sich an den Mast des Schiffes fesseln lassen. So könne er den Gesang hören, ohne ihm nachgeben zu können. Odysseus folgte dem Rat. Als sie sich der Insel näherten und der betörende Gesang ertönte, der Odysseus Wissen, Ruhm und ein Ende allen Leidens versprach, tobte er und schrie, man solle ihn losbinden. Doch seine Männer, die nichts hörten, ruderten nur noch kräftiger und zogen seine Fesseln fester, bis die Gefahr vorüber war. Odysseus hatte dem Tod ins Auge geblickt und die ultimative Versuchung des Geistes überlebt, nicht durch Stärke, sondern durch kluge Voraussicht und Fesseln.

    Wussten Sie? Das Konzept der „Xenia“, der heiligen Beziehung zwischen Gast und Gastgeber, ist ein zentrales moralisches Gerüst der Odyssee. Die Guten (wie Aiolos, Kirke nach ihrer Zähmung, die Phaiaken) halten es in Ehren, während die Bösen (Polyphem, die Laistrygonen und vor allem die Freier in Ithaka) es mit Füßen treten und dafür bestraft werden.

    Ulysses and the Sirens painting
    Ulysses and the Sirens painting

    Die nächste Prüfung war eine entsetzliche Wahl zwischen zwei Übeln. Das Schiff musste eine enge Meeresstraße passieren, an deren einer Seite das Monster Skylla in einer Höhle hauste und an deren anderer Seite der monströse Strudel Charybdis lauerte. Charybdis sog dreimal am Tag das Meerwasser ein und spie es wieder aus, wobei sie jedes Schiff verschlang, das in ihre Reichweite geriet. Ihr auszuweichen war unmöglich. Auf der anderen Seite der Meerenge lebte Skylla, ein schreckliches Ungeheuer mit zwölf Füßen und sechs langen Hälsen, von denen jeder einen Kopf mit drei Reihen spitzer Zähne trug. Aus ihrer Höhle heraus schnappte sie nach allem, was vorbeifuhr. Kirke hatte Odysseus geraten, näher an Skylla heranzufahren. Es sei besser, sechs Männer zu verlieren, als das ganze Schiff samt Mannschaft an Charybdis. Mit schwerem Herzen befolgte Odysseus diesen grausamen Rat. Während die Mannschaft entsetzt auf den gurgelnden Schlund der Charybdis starrte, schossen Skyllas Köpfe aus der Höhle herab und packten sich sechs der besten Männer von den Ruderbänken. Odysseus hörte ihre Schreie und sah, wie sie in der Luft zappelten, während das Monster sie in seine Höhle zerrte und bei lebendigem Leibe verschlang. Er beschrieb dies später als den jämmerlichsten Anblick seiner gesamten Reise. Es war die brutale Lektion eines Anführers, der ein kalkuliertes Opfer bringen muss, um das größere Ganze zu retten, ein Trauma, das ihn für immer zeichnen würde.

    Schließlich erreichten sie Thrinakia, die Insel des Sonnengottes Helios, vor der ihn sowohl Teiresias als auch Kirke mit größtem Nachdruck gewarnt hatten. Hier weideten die unsterblichen, heiligen Rinder und Schafe des Gottes. Odysseus wollte die Insel meiden, doch seine erschöpfte und demoralisierte Mannschaft, angeführt von Eurylachos, zwang ihn durch Meuterei, an Land zu gehen und sich auszuruhen. Odysseus ließ sie schwören, die heiligen Tiere unter keinen Umständen anzutasten. Einen Monat lang hielt sie ein stürmischer Südwind auf der Insel gefangen. Als ihre Vorräte zur Neige gingen und der Hunger unerträglich wurde, nutzten die Männer eine Gelegenheit, als Odysseus sich zum Beten zurückgezogen hatte und eingeschlafen war. Eurylachos überredete die anderen mit einer trügerischen Rede: Es sei besser, sofort zu sterben – sei es durch den Zorn eines Gottes – als langsam an Hunger zu verenden. Sie trieben die besten Rinder des Helios zusammen, schlachteten sie und vollzogen ein Scheingottesdienst. Als Odysseus erwachte und den Geruch von gebratenem Fleisch roch, wusste er, dass alles verloren war. Helios, dessen alles sehende Töchter ihm die Tat meldeten, wandte sich an Zeus und forderte Vergeltung, andernfalls würde er in den Hades hinabsteigen und den Toten leuchten. Kaum hatten die Männer wieder See gestochen, schickte Zeus einen furchtbaren Sturm. Ein Blitz zerschmetterte das Schiff. Alle Männer ertranken. Nur Odysseus, der sich an ein Wrackstück aus Mast und Kiel klammerte, überlebte das Desaster, das seine Männer durch ihren Akt der Hybris und des Ungehorsams über sich gebracht hatten.

    Die Gefangenschaft der Liebe und die letzte Etappe: Die Phaiaken

    Nach dem Untergang seines letzten Schiffes und dem Tod seiner gesamten Mannschaft trieb Odysseus neun Tage lang allein auf dem offenen Meer. Das Schicksal und der unerbittliche Poseidon trieben sein improvisiertes Floß zurück durch die Straße von Skylla und Charybdis, die er nur mit knapper Not überlebte. Schließlich, am zehnten Tag, spülten ihn die Wellen an die Küste von Ogygia, einer mythischen, paradiesischen Insel, die "der Nabel des Meeres" genannt wird. Hier lebte die Nymphe Kalypso, eine Tochter des Titanen Atlas, von atemberaubender Schönheit. Kalypso fand den schiffbrüchigen Helden, nahm ihn bei sich auf und verliebte sich unsterblich in ihn. Was folgte, war keine gewaltsame Gefangenschaft, sondern eine der subtilsten und längsten Prüfungen seiner Reise. Sieben Jahre lang hielt Kalypso Odysseus auf ihrer Insel fest. Es war ein goldener Käfig. Sie bot ihm alles an, was ein Mann sich wünschen könnte: ewige Jugend, unendliches Vergnügen und sogar die Unsterblichkeit. Sie argumentierte, dass sie als Göttin weitaus begehrenswerter sei als seine sterbliche Frau Penelope. Doch trotz des Luxus und der göttlichen Zuneigung saß Odysseus jeden Tag am Ufer, blickte sehnsüchtig über das Meer und weinte um seine verlorene Heimat. Die Versuchung, das menschliche Leid gegen göttliche Glückseligkeit einzutauschen, war immens, doch seine Identität als Ehemann, Vater und König von Ithaka war stärker. Er lehnte das Geschenk der Unsterblichkeit ab, eine Entscheidung, die seine Menschlichkeit zutiefst bekräftigt. Sein Herz sehnte sich nicht nach einem endlosen, ereignislosen Leben, sondern nach seiner sterblichen Existenz mit all ihren Verantwortungen und Beziehungen.

    Wussten Sie? Viele Forscher und Enthusiasten haben versucht, die Stationen von Odysseus’ Reise mit realen Orten im Mittelmeer zu identifizieren. So wird die Insel der Kirke oft mit dem Monte Circeo in Italien in Verbindung gebracht, die Meerenge von Skylla und Charybdis mit der Straße von Messina und das Land der Phaiaken mit der Insel Korfu. Diese Zuordnungen bleiben jedoch spekulativ.

    Währenddessen war auf dem Olymp seine Schutzgöttin Athene unermüdlich für ihn tätig. Sie nutzte eine Abwesenheit ihres Widersachers Poseidon und trug vor Zeus und den anderen Göttern eine leidenschaftliche Klage über Odysseus’ langes Leiden vor. Zeus, gerührt von seiner Tapferkeit und Frömmigkeit, gab nach. Er sandte den Götterboten Hermes nach Ogygia mit dem unmissverständlichen Befehl an Kalypso, Odysseus freizulassen. Mit gebrochenem Herzen musste die Nymphe gehorchen. Sie half Odysseus sogar, ein stabiles Floß zu bauen und versorgte ihn mit Proviant für die Überfahrt. Doch kaum war Odysseus wieder auf See, entdeckte ihn der zurückkehrende Poseidon. Wütend über die Einmischung der anderen Götter, entfesselte er einen weiteren gewaltigen Sturm, der das Floß in Stücke riss. Mitten in der tosenden See, dem Ertrinken nahe, erhielt Odysseus unerwartete Hilfe von der Meeresnymphe Ino Leukothea. Sie gab ihm ihren unsterblichen Schleier, der ihn vor dem Ertrinken bewahren würde, und riet ihm, das Floß aufzugeben und ans rettende Ufer zu schwimmen. Nach zwei weiteren Tagen des Kampfes gegen die Wellen erreichte Odysseus schließlich völlig erschöpft die Küste der Insel Scheria, dem Land der Phaiaken, einem seefahrenden Volk, das von den Göttern begünstigt wurde.

    Dort schlief er, nackt und mit Salz verkrustet, in einem Blätterhaufen ein. Am nächsten Morgen wurde er von den Stimmen junger Mädchen geweckt. Es war Nausikaa, die wunderschöne Tochter des Königs Alkinoos, die auf Eingebung Athenas mit ihren Dienerinnen zum Wäschewaschen an den Fluss gekommen war. Odysseus trat ihr mit Bedacht und schmeichelhaften Worten entgegen, verglich sie mit einer Göttin und bat um Hilfe. Nausikaa, beeindruckt von seinem edlen Auftreten und seiner klugen Rede, gab ihm Kleidung und Nahrung und wies ihm den Weg zum Palast ihrer Eltern, König Alkinoos und Königin Arete. Im Palast der Phaiaken wurde Odysseus mit vollkommener Gastfreundschaft empfangen. Während des Festmahls bat der blinde Sänger Demodokos, Lieder über den Trojanischen Krieg zu singen. Als er von der List mit dem hölzernen Pferd sang, konnte Odysseus seine Tränen nicht zurückhalten. Alkinoos bemerkte seine Trauer, befragte ihn nach seiner Identität und dem Grund seines Kummers. An diesem Punkt, nach Jahren des Schweigens und der Einsamkeit, erzählt Odysseus den Phaiaken seine Geschichte. In einer langen Rückblende, die einen Großteil der Odyssee ausmacht, berichtet er von all seinen Abenteuern seit dem Fall Trojas. Die Phaiaken waren von seiner Erzählung tief bewegt. Sie überschütteten ihn mit Geschenken und versprachen ihm, was kein anderer vermocht hatte: ihn auf einem ihrer magischen, pfeilschnellen Schiffe sicher nach Hause zu bringen. Die letzte Etappe seiner Heimreise hatte begonnen.

    Die Heimkehr und die Rache des Königs

    Die phaiakischen Seeleute brachten Odysseus über Nacht nach Ithaka. Sie setzten den tief schlafenden Helden mitsamt ihren kostbaren Geschenken an einem abgelegenen Strand ab und segelten davon, noch bevor der Tag anbrach. Als Odysseus erwachte, erkannte er seine eigene Heimat zunächst nicht, da Athene sie in einen magischen Nebel gehüllt hatte, um ihn zu schützen. Die Göttin erschien ihm in Gestalt eines jungen Hirten und offenbarte ihm schließlich, dass er wirklich zu Hause war. Sie half ihm, die Geschenke der Phaiaken in einer Höhle zu verstecken und entwarf mit ihm den Plan für seine Rache. Um unentdeckt zu bleiben, verwandelte sie ihn in einen alten, zerlumpten Bettler. In dieser Verkleidung suchte er zuerst seinen treuen Schweinehirten Eumaios auf. Eumaios, der seinen Herrn nicht erkannte, bewirtete den vermeintlichen Fremden dennoch nach den Regeln der Gastfreundschaft und beklagte das Schicksal seines verschollenen Königs und die Arroganz der Freier, die den Palast besetzt hielten. Von ihm erfuhr Odysseus das ganze Ausmaß der Schandtaten: Über hundert junge Adlige aus Ithaka und den umliegenden Inseln hatten seinen Palast in Beschlag genommen, verprassten sein Vermögen und bedrängten seine Frau Penelope, einen von ihnen zu heiraten.

    Wussten Sie? Der Hund Argos ist eine der berührendsten Figuren der Odyssee. Sein Name bedeutet „der Schnelle“ oder „der Leuchtende“. Sein Schicksal – er wartet 20 Jahre, erkennt seinen verkleideten Herrn sofort und stirbt im Moment des Wiedersehens – ist ein starkes Symbol für Loyalität, den unbarmherzigen Lauf der Zeit und den Verfall, den Ithaka in Odysseus’ Abwesenheit erlitten hat.

    Kurz darauf kehrte auch sein Sohn Telemachos, von Athene geleitet, von seiner eigenen Reise zurück, auf der er nach Nachrichten über seinen Vater gesucht hatte. Athene sorgte für ein Treffen zwischen Vater und Sohn in der Hütte des Eumaios. Sie verwandelte Odysseus kurzzeitig in seine wahre Gestalt zurück, und es kam zu einer emotionalen, tränenreichen Wiedervereinigung. Gemeinsam schmiedeten sie den detaillierten Plan für den Sturz der Freier. Telemachos sollte in den Palast zurückkehren und alle Waffen aus der großen Halle entfernen, unter dem Vorwand, sie vor dem Rauch schützen zu wollen. Odysseus, wieder als Bettler verkleidet, betrat kurz darauf seinen eigenen Palast. Dort musste er Demütigungen und Misshandlungen durch die arroganten Freier ertragen. Er nutzte die Zeit, um ihre Gesinnung zu prüfen und herauszufinden, wer Freund und wer Feind war. In einer der herzzerreißendsten Szenen des Epos erkannte ihn sein alter Jagdhund Argos, der zwanzig Jahre auf die Rückkehr seines Herrn gewartet hatte. Der Hund, nun alt und vernachlässigt auf einem Misthaufen liegend, wedelte mit dem Schwanz, hob den Kopf und starb in dem Moment, als er Odysseus wiedersah. Es war ein stummes Zeugnis unerschütterlicher Loyalität. Auch Penelope, neugierig auf den Fremden, der behauptete, Nachrichten von Odysseus zu haben, ließ ihn zu sich rufen. Um seine Identität zu wahren, erfand Odysseus eine komplexe Geschichte. Penelope, die vielleicht eine Ahnung hatte, vertraute ihm und erzählte ihm von ihrer eigenen List, dem Weben eines Leichentuchs für Odysseus’ Vater Laertes, das sie nachts immer wieder auftrennte, um die Freier hinzuhalten. Schließlich kündigte sie, von Athene inspiriert, für den nächsten Tag einen Wettkampf an: Wer auch immer den großen Bogen des Odysseus spannen und einen Pfeil durch die Ösen von zwölf aufgereihten Äxten schießen könne, den würde sie heiraten.

    Am Tag des Wettkampfs scheiterten alle Freier kläglich. Keiner war auch nur stark genug, die Sehne des mächtigen Bogens aufzuspannen. Der Bettler bat darum, es ebenfalls versuchen zu dürfen. Unter dem Gespött der Freier reichte ihm Telemachos den Bogen. Odysseus spannte ihn mühelos, als wäre er ein Musikinstrument, und schoss den Pfeil zielsicher durch alle zwölf Axtösen. Im selben Moment warf er seine Lumpen ab, und Athene gab ihm seine majestätische Gestalt zurück. Mit den Worten "Nun gilt es, ein anderes Ziel zu treffen" schoss er einen zweiten Pfeil in die Kehle des Anführers der Freier, Antinoos. Das war das Signal. Telemachos, Eumaios und der treue Rinderhirt Philoitios, die sich zuvor bewaffnet hatten, verriegelten die Türen der Halle. In einem blutigen Gemetzel, der Mnesterophonia, töteten Odysseus und seine wenigen Verbündeten alle Freier bis auf den letzten Mann. Die Halle schwamm im Blut, und die Rache des Königs war vollendet. Doch die letzte Prüfung stand noch bevor. Als Odysseus zu Penelope kam, blieb sie distanziert und misstrauisch. Um seine Identität zweifelsfrei zu beweisen, befahl sie ihrer Dienerin, das Ehebett aus dem Schlafgemach zu holen. Daraufhin wurde Odysseus zornig, denn er allein wusste, dass dies unmöglich war. Er hatte das Bett eigenhändig aus dem Stamm eines riesigen, fest verwurzelten Olivenbaums gezimmert und das Schlafzimmer um diesen Baum herum gebaut. Dieses Geheimnis kannten nur er und Penelope. Mit dieser Enthüllung waren alle Zweifel beseitigt. Weinend fielen sie sich in die Arme. Der Held war endlich nicht nur auf seiner Insel, sondern auch in seinem Zuhause und in seiner Liebe angekommen.

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