Die Bolschewistische Revolution: 10 Tage, die die Welt für immer veränderten - History Unlocked
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    Die Bolschewistische Revolution: 10 Tage, die die Welt für immer veränderten

    21 Min. Lesezeit

    Das Jahr 1917. Während an den Fronten des Ersten Weltkriegs Millionen von Soldaten in einem sinnlosen Gemetzel aus Blut und Schlamm gefangen sind, brodelt es im Herzen des riesigen Russischen Reiches. Es ist ein Koloss mit tönernen Füßen, regiert von einem autokratischen Zaren, Nikolaus II., der den Kontakt zur Realität seines Volkes längst verloren hat. Die Luft in den Gassen von Petrograd, dem heutigen St. Petersburg, ist schwer von Hunger, Verzweiflung und dem Murmeln der Rebellion. Die Februarrevolution hatte bereits den Zaren gestürzt und eine schwache, unentschlossene Provisorische Regierung an die Macht gebracht, doch dies war nur der Auftakt, das erste Beben vor dem eigentlichen Erdstoß. Die grundlegenden Probleme blieben ungelöst: Der Krieg tobte weiter, das Land hungerte, und die Bauern schrien nach Land. In diesem Kessel der Unsicherheit, in diesem Machtvakuum, bereitete eine kleine, aber fanatisch disziplinierte Gruppe den entscheidenden Schlag vor: die Bolschewiki. An ihrer Spitze stand eine Figur, die bald zum Synonym für Revolution werden sollte: Wladimir Iljitsch Uljanow, besser bekannt als Lenin. Seine Rückkehr aus dem Schweizer Exil im April 1917, orchestriert und finanziert vom deutschen Kaiserreich in der Hoffnung, Russland endgültig zu destabilisieren, war der Funke, der das Pulverfass zur Explosion bringen sollte. Seine radikalen Aprilthesen – "Frieden, Land und Brot!" und "Alle Macht den Räten!" – waren einfache, aber kraftvolle Parolen, die den tiefsten Sehnsüchten der Massen entsprachen. Während die anderen Parteien zögerten, debattierten und Kompromisse suchten, boten Lenin und seine Bolschewiki eine sofortige, brutale und verlockende Lösung. Dies ist nicht nur die Geschichte eines Staatsstreichs. Es ist die Chronik eines perfekten Sturms, in dem jahrhundertealte Unterdrückung, die Katastrophe eines modernen Krieges und der eiskalte politische Wille eines Mannes zusammenkamen, um die Weltordnung für immer zu verändern und ein ideologisches Experiment zu beginnen, das das 20. Jahrhundert prägen und in einen Abgrund aus Terror und Hoffnung stürzen sollte. Die folgenden zehn Tage im Oktober würden die Welt tatsächlich erschüttern.

    Die Wurzeln des Zorns: Russlands Weg in den Abgrund

    Um die dramatischen Ereignisse des Oktobers 1917 vollständig zu verstehen, muss man tief in die russische Erde graben, die mit dem Blut und den Tränen von Generationen getränkt war. Das Russische Reich war zu Beginn des 20. Jahrhunderts eine Gesellschaft der extremen Gegensätze. Während eine winzige, oft französischsprachige Aristokratie in opulentem Luxus schwelgte, lebten über 80 % der Bevölkerung als Bauern in archaischen Verhältnissen, gefangen in Armut, Analphabetismus und Aberglauben. Die Leibeigenschaft war zwar 1861 offiziell abgeschafft worden, doch ihre wirtschaftlichen und sozialen Fesseln blieben bestehen. Die Bauern waren an ihr Land gebunden, hoch verschuldet und ohne Hoffnung auf sozialen Aufstieg. Gleichzeitig durchlief Russland eine verspätete, aber brutale Industrialisierung, die riesige Fabriken in Städten wie Petrograd und Moskau aus dem Boden stampfen ließ. Dies schuf eine neue soziale Klasse: das städtische Proletariat. Diese Arbeiter wurden in den Fabriken unter unmenschlichen Bedingungen ausgebeutet, hausten in überfüllten, unhygienischen Baracken und wurden zum Nährboden für radikale Ideen. Der Funke, der dieses Pulverfass erstmals zur Explosion brachte, war die demütigende Niederlage im Russisch-Japanischen Krieg von 1904-1905. Der Schock, von einer als unterlegen angesehenen asiatischen Macht besiegt zu werden, erschütterte das Prestige des Zarenregimes bis ins Mark und führte zur Revolution von 1905. Nach dem "Blutsonntag", als die Truppen des Zaren auf eine friedliche Demonstration von Arbeitern schossen, brach eine Welle von Streiks, Meutereien und Bauernaufständen im ganzen Land aus. Widerwillig gewährte Zar Nikolaus II. in seinem Oktobermanifest bürgerliche Freiheiten und ein gewähltes Parlament, die Duma. Doch dies war ein reines Lippenbekenntnis. Sobald die revolutionäre Welle abebbte, entzog der Zar der Duma systematisch ihre Macht und kehrte zu seiner autokratischen Herrschaft zurück. Die Chance auf eine friedliche, evolutionäre Reform war vertan, und die radikalen Kräfte lernten eine wichtige Lektion: Das Regime würde die Macht niemals freiwillig teilen.

    Die endgültige Katastrophe war der Eintritt Russlands in den Ersten Weltkrieg 1914. Anfänglicher Patriotismus schlug schnell in bittere Ernüchterung um. Die russische Armee war schlecht ausgerüstet, schlecht geführt und erlitt katastrophale Verluste gegen die deutsche Kriegsmaschinerie. Millionen von Bauern wurden von ihren Feldern an die Front geschickt, was zu einem Zusammenbruch der landwirtschaftlichen Produktion und zu einer dramatischen Lebensmittelknappheit in den Städten führte. Die Wirtschaft kollabierte unter den Kriegsanstrengungen, die Inflation galoppierte, und die Menschen standen stundenlang in Schlangen für ein Stück Brot. An der Spitze des Staates herrschte ein Vakuum. Zar Nikolaus II. übernahm persönlich das Oberkommando der Armee und verließ die Hauptstadt, eine desaströse Entscheidung, die ihn direkt für die militärischen Niederlagen verantwortlich machte. In Petrograd überließ er die Regierungsgeschäfte seiner deutschen Frau, Zarin Alexandra, die wiederum stark unter dem Einfluss des zwielichtigen Mystikers Rasputin stand. Gerüchte über Verrat, Korruption und sexuelle Ausschweifungen am Hof zersetzten die letzte verbliebene Loyalität gegenüber der Monarchie. Das Regime war nicht nur unterdrückerisch, es war auch hoffnungslos inkompetent. Alle Schichten der Gesellschaft, von den liberalen Adligen und Industriellen bis hin zu den hungernden Arbeitern und verzweifelten Soldaten, waren sich einig: So konnte es nicht weitergehen. Der Zorn, der sich über Jahrhunderte angestaut hatte, stand kurz vor dem Überkochen.

    Wussten Sie? Grigori Rasputin, der mysteriöse Wanderprediger, der einen enormen Einfluss auf die Zarin Alexandra hatte, wurde von einer Gruppe Adliger im Dezember 1916 ermordet. Sie vergifteten, erschossen und ertränkten ihn, weil sie glaubten, sein Einfluss zerstöre die Monarchie. Ironischerweise beschleunigte seine Ermordung nur den Vertrauensverlust in die Zarenfamilie.

    Tsar Nicholas II and his family portrait
    Tsar Nicholas II and his family portrait

    Die Februarrevolution: Das unerwartete Beben

    Die Revolution, die das 300 Jahre alte Romanow-Reich stürzte, begann nicht mit einem sorgfältig ausgearbeiteten Plan einer revolutionären Partei, sondern mit dem spontanen Aufschrei hungriger Frauen. Am 23. Februar 1917 (nach dem in Russland damals gültigen Julianischen Kalender, 8. März nach westlicher Zeitrechnung), dem Internationalen Frauentag, strömten Tausende von Textilarbeiterinnen in Petrograd auf die Straße. Sie protestierten gegen die katastrophale Brotknappheit und den endlosen Krieg. Ihre Rufe "Brot!" und "Nieder mit dem Krieg!" fanden sofort Anklang bei den ausgehungerten und kriegsmüden Massen. In den folgenden Tagen schwoll die Protestwelle an. Scharen von männlichen Arbeitern schlossen sich den Demonstrationen an, Fabriken wurden bestreikt, und das öffentliche Leben in der Hauptstadt kam zum Erliegen. Die Regierung reagierte wie gewohnt: Sie befahl den Truppen der Petrograder Garnison, das Feuer auf die Demonstranten zu eröffnen. Doch diesmal geschah das Unerwartete. Die Soldaten, selbst meist junge Bauernrekruten, die mit den Demonstranten sympathisierten und den Krieg hassten, zögerten. Zuerst feuerten einige Regimenter in die Luft. Dann, am 26. und 27. Februar, kam es zur entscheidenden Wende: Regiment für Regiment meuterte, verweigerte den Befehl, auf das eigene Volk zu schießen, erschoss seine Offiziere und schloss sich den Revolutionären an. Über Nacht war das Regime wehrlos. Die Symbole der zaristischen Macht – Polizeistationen, Gerichtsgebäude, Gefängnisse – wurden gestürmt und in Brand gesteckt. Die Revolutionäre eroberten das Waffenarsenal und bewaffneten sich. Innerhalb weniger Tage war die zaristische Autorität in der Hauptstadt kollabiert.

    Angesichts dieser unaufhaltsamen Welle des Aufstands wurde schnell klar, dass die Monarchie nicht zu retten war. Führende Politiker der Duma und Generäle der Armee drängten Zar Nikolaus II. zur Abdankung, um eine Eskalation zu einem Bürgerkrieg zu verhindern und die Ordnung an der Front aufrechtzuerhalten. Am 2. März 1917, gefangen in seinem königlichen Zug in der Nähe von Pskow, unterzeichnete der letzte Zar von Russland seine Abdankungsurkunde. Die Romanow-Dynastie war Geschichte. Aus den Trümmern des alten Regimes entstanden zwei konkurrierende Machtzentren, eine Situation, die als "Doppelherrschaft" (Dwojewlastije) bekannt wurde. Auf der einen Seite stand die Provisorische Regierung, gebildet von liberalen und gemäßigt-konservativen Mitgliedern der alten Duma. Sie vertrat die Interessen der Bourgeoisie und des Adels und sah ihre Hauptaufgabe darin, den Staat bis zur Wahl einer verfassungsgebenden Versammlung zu verwalten. Auf der anderen Seite stand der Petrograder Sowjet (Rat) der Arbeiter- und Soldatendeputierten. Dieser Rat wurde spontan nach dem Vorbild von 1905 gebildet und repräsentierte die revolutionären Massen, die Arbeiter und die meuternden Soldaten. Während die Provisorische Regierung die formale Macht innehatte, kontrollierte der Sowjet die eigentlichen Machthebel in der Hauptstadt: die Truppen, die Eisenbahnen, die Post und den Telegraphen. Diese instabile Machtteilung war von Anfang an zum Scheitern verurteilt. Die Provisorische Regierung unter Fürst Lwow und später Alexander Kerenski traf die fatale Entscheidung, den Krieg an der Seite der Entente fortzusetzen, in der Hoffnung auf einen Sieg und territoriale Gewinne. Dies entfremdete sie sofort von den Massen, deren vordringlichster Wunsch der Frieden war. Die Februarrevolution hatte zwar den Zaren gestürzt, aber die grundlegenden Fragen nach Frieden, Land und Brot blieben unbeantwortet. Sie hatte ein Machtvakuum geschaffen, das nur darauf wartete, von der entschlossensten und rücksichtslosesten politischen Kraft gefüllt zu werden.

    Provisional Government ministers meeting in 1917
    Provisional Government ministers meeting in 1917

    Lenins Rückkehr und die Aprilthesen: Ein Plan für die Macht

    Während Petrograd im Chaos der Februarrevolution versank, saß der Architekt des zukünftigen Umsturzes Hunderte von Kilometern entfernt in Zürich im Exil fest. Wladimir Lenin, der Führer des bolschewistischen Flügels der marxistischen Sozialdemokratischen Arbeiterpartei Russlands, war seit fast einem Jahrzehnt aus seiner Heimat verbannt und verfolgte die Ereignisse mit einer Mischung aus Euphorie und Frustration. Die Revolution, auf die er sein ganzes Leben lang hingearbeitet hatte, war ohne ihn ausgebrochen. Für Lenin war es von entscheidender Bedeutung, so schnell wie möglich nach Russland zurückzukehren, um die Kontrolle über die Ereignisse zu übernehmen. Hier bot sich eine bizarre und schicksalhafte Allianz. Das deutsche Oberkommando unter Ludendorff und Hindenburg sah in Lenin das perfekte Instrument, um ihren Kriegsgegner im Osten endgültig lahmzulegen. Ihre Kalkulation war zynisch und einfach: Wenn sie den radikalsten Revolutionär nach Russland einschleusen, würde er das Land ins Chaos stürzen, die russische Armee von innen zersetzen und Russland zwingen, aus dem Krieg auszuscheiden. So wurde Lenin und einer Gruppe anderer Revolutionäre die Durchreise durch Deutschland in einem "versiegelten" Eisenbahnwaggon gestattet – versiegelt, um zu verhindern, dass seine revolutionären Ideen das deutsche Proletariat "infizierten". Am 3. April 1917 traf Lenin am Finnischen Bahnhof in Petrograd ein. Seine Ankunft war ein dramatischer, fast messianischer Moment. Er wurde von einer jubelnden Menge von Arbeitern und Soldaten empfangen, doch anstatt sich der allgemeinen Feierstimmung anzuschließen, bestieg er einen Panzerwagen und hielt eine Rede, die selbst seine engsten Genossen schockierte.

    Wussten Sie? Der "versiegelte Zug" war nicht wirklich hermetisch versiegelt. Er hatte extraterritorialen Status, was bedeutete, dass die russischen Exilanten während der Fahrt durch Deutschland nicht von deutschen Behörden kontrolliert wurden. Die Deutschen stellten jedoch sicher, dass niemand aus- oder einstieg.

    Am folgenden Tag präsentierte Lenin in zwei Reden seine berühmten "Aprilthesen". Sie waren ein Frontalangriff auf die herrschende politische Orthodoxie, einschließlich der Position vieler führender Bolschewiki in Russland wie Stalin und Kamenew, die bisher eine bedingte Unterstützung der Provisorischen Regierung befürwortet hatten. Lenins Thesen waren ein Meisterwerk radikaler Vereinfachung und politischer Klarheit. Er forderte: keine Unterstützung für die Provisorische Regierung, die er als bürgerlich und imperialistisch brandmarkte. Er verlangte ein sofortiges Ende des "räuberischen imperialistischen Krieges". Er proklamierte den Übergang von der ersten, bürgerlichen Phase der Revolution zur zweiten Phase, die die Macht in die Hände des Proletariats und der ärmsten Bauernschaft legen müsse. Und er fasste sein gesamtes Programm in dem genialen Slogan "Alle Macht den Räten (Sowjets)!" zusammen. Dies war ein politischer Geniestreich. Anstatt zu versuchen, die Provisorische Regierung zu reformieren oder an ihr teilzunehmen, forderte Lenin ihre vollständige Beseitigung und die Errichtung einer Republik der Sowjets. Seine weiteren Slogans "Frieden, Land und Brot!" sprachen die drei tiefsten Wünsche der russischen Massen direkt an: die Soldaten wollten Frieden, die Bauern wollten Land, und die Arbeiter in den Städten wollten Brot. Anfangs stießen seine Thesen selbst in den eigenen Reihen auf Unglauben und Widerstand. Man warf ihm vor, den Bezug zur Realität verloren zu haben und Anarchismus zu predigen. Doch Lenin war ein Meister der Überzeugung und der Parteiintrige. Mit eiserner Willenskraft, unermüdlicher Agitation und seiner überlegenen Rhetorik setzte er seine Linie innerhalb weniger Wochen in der bolschewistischen Partei durch. Er hatte der Partei ein klares Ziel und eine kompromisslose Strategie gegeben: den Sturz der Provisorischen Regierung und die Eroberung der alleinigen Macht.

    Die Juli-Tage und der Kornilow-Putsch: Generalprobe für den Umsturz

    Nachdem Lenin die bolschewistische Partei auf seinen radikalen Kurs eingeschworen hatte, wuchs der Einfluss der Bolschewiki in den Fabriken und Kasernen Petrograds rasant. Ihre kompromisslose Antikriegspropaganda und ihre einfachen, kraftvollen Slogans fanden bei den kriegsmüden Soldaten und den frustrierten Arbeitern großen Anklang. Die Provisorische Regierung hingegen verlor zunehmend an Autorität. Ihr Kriegsminister, der charismatische aber unentschlossene Sozialrevolutionär Alexander Kerenski, setzte alles auf eine Karte: eine neue Militäroffensive im Juni 1917, die die Moral heben und seine Regierung stabilisieren sollte. Die "Kerenski-Offensive" endete in einer absoluten Katastrophe. Die demoralisierte russische Armee löste sich auf, Tausende desertierten oder wurden getötet. Die Nachricht von der Niederlage brachte das Fass in Petrograd zum Überlaufen. Anfang Juli kam es zu massiven, bewaffneten Demonstrationen von Soldaten und Arbeitern, die von den Bolschewiki ermutigt, aber nicht vollständig kontrolliert wurden. Diese "Juli-Tage" waren eine Art spontaner, halbherziger Aufstandsversuch. Die Demonstranten forderten den Petrograder Sowjet auf, die Macht zu übernehmen, doch die im Sowjet noch dominierenden gemäßigten Sozialisten (Menschewiki und Sozialrevolutionäre) zögerten und lehnten ab. Das Machtvakuum wurde nicht gefüllt. Die Provisorische Regierung nutzte die Gelegenheit, um zurückzuschlagen. Regierungstreue Truppen wurden von der Front in die Hauptstadt beordert, um die "Ordnung" wiederherzustellen. Die Bolschewiki wurden als deutsche Agenten denunziert, ihre Parteizentrale in der Prawda-Redaktion wurde zerstört und Haftbefehle gegen ihre Führer erlassen. Leo Trotzki landete im Gefängnis, und Lenin musste, als deutscher Spion verkleidet, nach Finnland fliehen. Es schien, als sei die bolschewistische Bedrohung gebannt und die Revolution am Ende. Die Juli-Tage waren eine bittere Niederlage für Lenin und seine Partei, aber sie erwiesen sich auch als wertvolle Lektion: Ein spontaner Aufstand ohne zentrale Führung und präzises Timing war zum Scheitern verurteilt.

    Doch die Geschichte hatte eine weitere ironische Wendung parat. Nach der Niederschlagung der Bolschewiki ernannte Kerenski, der nun selbst Premierminister war, General Lawr Kornilow zum neuen Oberbefehlshaber der Armee. Kornilow war ein konservativer Nationalist, der die Revolution verachtete und die Wiederherstellung von Disziplin und Ordnung mit eiserner Faust forderte. Im August 1917, überzeugt davon, dass Kerenski von den Sowjets als Geisel gehalten wurde, befahl Kornilow seinen loyalsten Truppen, auf Petrograd zu marschieren, um die Provisorische Regierung zu "retten" und die Sowjets zu zerschlagen. Ob es sich um ein Missverständnis oder einen bewussten Putschversuch handelte, ist bis heute umstritten. Für Kerenski war es jedoch ein Putsch von rechts, der seine eigene Macht bedrohte. In Panik wandte er sich an seine Todfeinde um Hilfe: die Bolschewiki. Er ließ ihre Führer aus dem Gefängnis frei und autorisierte die Bewaffnung ihrer Parteimilizen, der Roten Garden, um die Hauptstadt gegen Kornilow zu verteidigen. Die Bolschewiki ergriffen die Chance. Ihre Agitatoren unterwanderten die heranrückenden Truppen Kornilows und überzeugten die Soldaten, ihre Befehle zu verweigern. Die Eisenbahner leiteten die Züge um oder blockierten die Gleise. Der Putsch brach zusammen, bevor er Petrograd überhaupt erreicht hatte. Dieses "Kornilow-Abenteuer" hatte dramatische Konsequenzen. Die Provisorische Regierung und Kerenski persönlich waren nun völlig diskreditiert und hatten ihre letzte Autorität verloren. Der Offizierskorps der Armee war gedemütigt. Die Bolschewiki hingegen erschienen als die Retter der Revolution. Sie waren die einzige Kraft, die entschlossen gegen die Konterrevolution gekämpft hatte. Sie behielten die Waffen, die Kerenski ihnen gegeben hatte, und gewannen durch diesen Propagandaerfolg die Mehrheit in den entscheidenden Sowjets von Petrograd und Moskau. Die Generalprobe für den Oktober war vorbei. Die Bühne war frei für den finalen Akt.

    Wussten Sie? Alexander Kerenski, eine der zentralen Figuren des Jahres 1917, gelang nach der Oktoberrevolution die Flucht. Er lebte ein langes Leben im Exil, hauptsächlich in Paris und New York, und starb 1970. Er verbrachte den Rest seines Lebens damit, seine Rolle in den Ereignissen zu rechtfertigen.

    Die Oktoberrevolution: Die zehn Tage, die die Welt erschütterten

    Nach dem Scheitern des Kornilow-Putsches war die Zeit für die Bolschewiki reif. Aus seinem Versteck in Finnland bombardierte ein ungeduldiger Lenin das Zentralkomitee seiner Partei mit Briefen und forderte den sofortigen bewaffneten Aufstand. "Die Geschichte wird uns nicht verzeihen, wenn wir jetzt nicht die Macht ergreifen", schrieb er. Einige seiner engsten Mitstreiter, wie Sinowjew und Kamenew, zögerten noch. Sie fürchteten, ein vorzeitiger Aufstand könnte scheitern und die Partei vernichten. Sie plädierten für eine legalere Machtübernahme durch den bevorstehenden Zweiten Allrussischen Sowjetkongress. Doch Lenin, unterstützt vom brillanten Organisator Leo Trotzki, der nach seiner Freilassung zum Vorsitzenden des Petrograder Sowjets gewählt worden war, setzte sich durch. Die Entscheidung für den Aufstand fiel in einer geheimen Sitzung des Zentralkomitees am 10. Oktober. Trotzki, in seiner Funktion als Leiter des vom Petrograder Sowjet gegründeten Militärrevolutionären Komitees (MRC), war der eigentliche Mastermind der Operation. Das MRC diente als legaler Deckmantel für die Vorbereitung des Putsches und hatte die Kontrolle über die meisten Truppeneinheiten in und um die Hauptstadt. Der Plan war nicht, wie in der späteren sowjetischen Propaganda dargestellt, ein heroischer Massensturm, sondern eine schnelle, präzise und weitgehend unblutige Operation, die an einen modernen Staatsstreich erinnert.

    Storming of the Winter Palace painting
    Storming of the Winter Palace painting

    Der Aufstand begann in der Nacht vom 24. auf den 25. Oktober (6. auf den 7. November nach westlichem Kalender). Unter der Führung des MRC besetzten Einheiten der Roten Garden und loyaler Soldaten methodisch die strategischen Punkte der Stadt: Bahnhöfe, Post- und Telegrafenämter, Telefonzentralen, Brücken und Banken. Der Widerstand war minimal. Die Provisorische Regierung unter Kerenski war völlig isoliert und machtlos. Kerenski selbst gelang es in den frühen Morgenstunden des 25. Oktobers, in einem als amerikanische Botschaftsauto getarnten Wagen aus der Stadt zu fliehen, um vergeblich nach loyalen Truppen an der Front zu suchen. Das letzte Symbol der alten Macht war der Winterpalast, in dem die verbliebenen Minister der Provisorischen Regierung tagten. Er wurde nur von einer kleinen, demoralisierten Truppe aus Offizierskadetten (Junkern) und einem Frauenbataillon verteidigt. Am Abend des 25. Oktober gab der Kreuzer "Aurora", der auf der Newa ankerte, ein legendäres Signal: einen Blindschuss aus einer seiner Kanonen. Dies war das Zeichen für den Beginn des Angriffs auf den Palast. Nach einigen Stunden sporadischer Schusswechsel drangen die bolschewistischen Kräfte in den Palast ein und verhafteten die Minister. Die "Erstürmung des Winterpalastes", später in der Kunst und im Film von Sergei Eisenstein zu einem epischen Ereignis stilisiert, war in Wirklichkeit eher eine chaotische Polizeiaktion als eine große Schlacht.

    Während diese Ereignisse stattfanden, trat in Petrograd der Zweite Allrussische Sowjetkongress zusammen. Die Bolschewiki hatten die Machtübernahme bewusst auf diesen Zeitpunkt gelegt, um den Kongress vor vollendete Tatsachen zu stellen. Als die gemäßigten Sozialisten (Menschewiki und Sozialrevolutionäre) von dem Putsch erfuhren, protestierten sie heftig und verließen unter Protest den Saal. Trotzki verhöhnte sie mit seinem berühmten Ausspruch: "Ihr seid klägliche, isolierte Individuen; ihr seid Bankrotteure; eure Rolle ist ausgespielt. Geht dorthin, wohin ihr von nun an gehört: auf den Müllhaufen der Geschichte!" Mit dem Auszug ihrer Gegner hatten die Bolschewiki und ihre linken Verbündeten nun die absolute Mehrheit auf dem Kongress. In den frühen Morgenstunden des 26. Oktober trat Lenin, der zum ersten Mal seit Juli wieder öffentlich auftrat, vor den Kongress und verkündete unter tosendem Applaus: "Wir werden nun mit dem Aufbau der sozialistischen Ordnung fortfahren." Die Oktoberrevolution war vollendet. Eine kleine, entschlossene Partei hatte in einer der größten Städte der Welt die Macht ergriffen. Die Folgen dieses Aktes würden die ganze Welt erschüttern und das Schicksal des 20. Jahrhunderts bestimmen.

    Wussten Sie? Der berühmte "Schuss" des Kreuzers Aurora, der als Signal für die Erstürmung des Winterpalastes gilt, war eine Platzpatrone. Der Kreuzer hatte sich zuvor geweigert, scharfe Munition auf den Palast abzufeuern, da dieser Teil des nationalen Kulturerbes war.

    Die Konsolidierung der Macht und der Beginn des Roten Terrors

    Nach der triumphalen Machtübernahme in Petrograd standen die Bolschewiki vor der gewaltigen Aufgabe, ihre Herrschaft über das riesige, chaotische Russland zu sichern und zu konsolidieren. Die ersten Schritte der neuen Regierung, des Rates der Volkskommissare (Sownarkom) unter dem Vorsitz Lenins, zielten darauf ab, ihre revolutionären Versprechen einzulösen und eine breite Unterstützung in der Bevölkerung zu gewinnen. Noch auf dem Zweiten Sowjetkongress wurden zwei bahnbrechende Dekrete verabschiedet. Das "Dekret über den Frieden" forderte alle kriegführenden Mächte zu sofortigen Verhandlungen über einen "gerechten, demokratischen Frieden" ohne Annexionen und Kriegsentschädigungen auf. Es war ein direkter Appell an die Völker über die Köpfe ihrer Regierungen hinweg und erfüllte die tiefste Sehnsucht der russischen Soldaten und Arbeiter. Das "Dekret über den Grund und Boden" verfügte die sofortige und entschädigungslose Enteignung aller Ländereien des Adels, der Krone und der Kirche und stellte sie den Bauernkomitees und Dorfsowjets zur Verfügung. Damit legalisierten die Bolschewiki im Grunde die bereits stattfindenden wilden Landnahmen durch die Bauern und sicherten sich, zumindest vorübergehend, deren entscheidende Unterstützung. Weitere Dekrete folgten in rascher Folge: die Einführung des Achtstundentages, die Arbeiterkontrolle über die Fabriken und die vollständige Gleichberechtigung von Mann und Frau.

    Doch die Fassade der revolutionären Euphorie bekam bald Risse. Ein entscheidender Test für die demokratische Gesinnung der Bolschewiki waren die lange versprochenen Wahlen zur Verfassungsgebenden Versammlung, die im November 1917 stattfanden. Das Ergebnis war eine schwere Enttäuschung für Lenin. Seine Partei erhielt nur knapp 24% der Stimmen und war damit weit von einer Mehrheit entfernt. Die Gewinner waren die Sozialrevolutionäre, die traditionell die stärkste Partei unter der Bauernschaft waren. Für Lenin und die Bolschewiki war dies inakzeptabel. Sie hatten die Macht nicht erobert, um sie an einer Wahlurne wieder abzugeben. Als die Verfassungsgebende Versammlung im Januar 1918 zu ihrer ersten und einzigen Sitzung zusammentrat, wurde sie nach nur einem Tag von bolschewistischen Truppen gewaltsam aufgelöst. Lenin rechtfertigte diesen Akt mit der Behauptung, die Sowjetrepublik sei eine "höhere Form der Demokratie" als eine bürgerliche parlamentarische Republik. Dies war der Moment der Wahrheit: Die Diktatur des Proletariats, wie sie die Bolschewiki interpretierten, war in Wirklichkeit die Diktatur der bolschewistischen Partei. Dieser Schritt zerstörte jede Hoffnung auf eine Koalition der sozialistischen Kräfte und stürzte das Land unweigerlich in den Bürgerkrieg.

    Der Widerstand gegen die bolschewistische Alleinherrschaft formierte sich rasch. Monarchisten, liberale Demokraten, gemäßigte Sozialisten und unzufriedene Bauern schlossen sich zu den "Weißen Armeen" zusammen, die von den ehemaligen zaristischen Generälen geführt und von den Westmächten (Großbritannien, Frankreich, USA, Japan) finanziell und militärisch unterstützt wurden. Es begann ein brutaler, drei Jahre dauernder Bürgerkrieg, der das Land verwüstete. Um ihre Macht zu sichern, griffen die Bolschewiki zu immer drastischeren Maßnahmen. Im März 1918 unterzeichneten sie den demütigenden Frieden von Brest-Litowsk mit Deutschland, der Russland riesige Gebiete, Bevölkerungsanteile und Ressourcen kostete, aber Lenin den dringend benötigten Ausstieg aus dem Ersten Weltkrieg sicherte. Um ihre Feinde im Inneren zu bekämpfen, gründeten sie bereits im Dezember 1917 die "Außerordentliche Gesamtrussische Kommission zur Bekämpfung von Konterrevolution und Sabotage", kurz Tscheka. Unter der Leitung des skrupellosen Felix Dserschinski wurde die Tscheka zum Instrument des "Roten Terrors". Nach einem Attentatsversuch auf Lenin im August 1918 wurde der Terror offiziell zur Staatspolitik erklärt. Tausende von echten und vermeintlichen "Klassenfeinden" – Adlige, Priester, Industrielle, Offiziere, aber auch streikende Arbeiter und aufständische Bauern – wurden ohne Gerichtsverfahren verhaftet, gefoltert und hingerichtet. Der utopische Traum von einer befreiten Gesellschaft wich schnell der grausamen Realität eines totalitären Einparteienstaates, der seine Macht mit Furcht und Gewalt aufrechterhielt.

    Wussten Sie? Viele hochrangige Bolschewiki, darunter Kamenew und Sinowjew, waren ursprünglich gegen die gewaltsame Auflösung der Verfassungsgebenden Versammlung, weil sie einen Bürgerkrieg und die Isolation der Partei befürchteten. Lenin setzte sich jedoch mit seiner kompromisslosen Haltung durch.

    Die Oktoberrevolution war mehr als nur ein politischer Umsturz in einem kriegsmüden Land. Sie war die Geburtsstunde eines völlig neuen Systems, das auf einer radikalen Ideologie basierte und den Anspruch erhob, die gesamte fossilien-geheimnisse-alter-arten" title="Lebende Fossilien: Zeitzeugen einer verlorenen Welt – Die Geheimnisse alter Arten" class="text-primary underline decoration-primary/40 underline-offset-4 hover:decoration-primary">evolution-der-neandertaler" title="Der Neandertaler: Eine Faszination zwischen Mythos und Menschlichkeit" class="text-primary underline decoration-primary/40 underline-offset-4 hover:decoration-primary">urgeschichte-evolution-entdeckung-feuers" title="Das verlorene Flamme: Die Geheimnisse der Feuerentdeckung in der Urzeit" class="text-primary underline decoration-primary/40 underline-offset-4 hover:decoration-primary">Menschheitsgeschichte zu verändern. Sie zerriss das alte Russische Reich und schmiedete aus seinen Trümmern im Feuer des Bürgerkriegs die Sowjetunion. Die Revolution löste eine Welle der Faszination und der Angst auf der ganzen Welt aus und teilte die politische Landschaft des 20. Jahrhunderts in zwei unversöhnliche Lager. Für Millionen von Unterdrückten auf der ganzen Welt symbolisierte sie die Hoffnung auf eine gerechtere Welt ohne Ausbeutung. Für unzählige andere wurde sie zum Synonym für Tyrannei, Terror und den Verlust jeglicher Freiheit. Die zehn Tage im Oktober 1917, die mit dem Versprechen von "Frieden, Land und Brot" begannen, legten den Grundstein für eine der mächtigsten und repressivsten Diktaturen der Geschichte. Ihr Echo hallt bis heute nach und erinnert uns daran, wie schnell der Traum von einer Utopie in den Albtraum des Totalitarismus umschlagen kann. Die Fragen, die sie aufwarf – nach Macht, Gerechtigkeit und dem Preis der Revolution – bleiben so drängend und unbequem wie eh und je. Die Welt, wie wir sie kannten, war nach diesen zehn Tagen unwiderruflich eine andere.

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